{"id":204790,"date":"2020-04-25T17:42:24","date_gmt":"2020-04-25T17:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/herzpatient-in-der-corona-krise-es-haute-mich-aus-den-pantinen\/"},"modified":"2020-04-25T17:42:24","modified_gmt":"2020-04-25T17:42:24","slug":"herzpatient-in-der-corona-krise-es-haute-mich-aus-den-pantinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/herzpatient-in-der-corona-krise-es-haute-mich-aus-den-pantinen\/","title":{"rendered":"Herzpatient in der Corona-Krise: &#171;Es haute mich aus den Pantinen&#187;"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Torsten Herbst ist Diabetiker. Wegen der Coronakrise wurden wichtige Eingriffe an seinem Herzen abgesagt. Es ging ihm immer schlechter, doch er bekam keinen OP-Termin. Dann griff eine Freundin ein.  <\/p>\n<p>Der Mann mit der Igelfrisur h\u00e4lt seinen fast zwei Meter gro\u00dfen K\u00f6rper aufrecht. Sein Gesicht ist eingefallen und fahl, aber der Blick hinter der Brille ist fest. Den Rollator braucht er jetzt kaum noch. Nach fast drei Wochen Aufenthalt hat das Universit\u00e4tsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) Torsten Herbst entlassen. Sein Herz schl\u00e4gt wieder im Takt.<\/p>\n<p>&quot;Kardial dekompensiert&quot; sei der 57-J\u00e4hrige bei seiner Aufnahme gewesen, so steht es im Bericht des UKE. Er litt unter Luftnot. Literweise hatte sich in seinem K\u00f6rper Wasser angesammelt. Beides waren Folgen der Pumpschw\u00e4che seines Herzmuskels. Eine kardiale Dekompensation kann lebensgef\u00e4hrlich sein.<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte der Diabetiker wegen seiner bedrohlichen Herzrhythmusst\u00f6rung schon Ende M\u00e4rz im Diakonissenkrankenhaus in Flensburg (Diako) genauso operiert werden sollen, wie es am 14. April in Hamburg geschah. Doch um Corona-Patienten vorrangig behandeln zu k\u00f6nnen, wurde Herbsts Behandlung verschoben.<\/p>\n<p>Damals versch\u00e4rfte sich gerade die Pandemie.Am 14. M\u00e4rz ordnete ein Erlass der Landesregierung Schleswig-Holsteins an: &quot;Kliniken haben planbare Aufnahmen zu verschieben, um Platz f\u00fcr Covid-19-Patienten zu schaffen.&quot; Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte alle deutschen Krankenh\u00e4user dazu aufgerufen. Nur die dringend notwendigen F\u00e4lle sollten noch behandelt werden. Aber welche Operation ist dringend, welche verschiebbar? Die Abw\u00e4gung ist manchmal eine Gratwanderung. Im Fall von Torsten Herbst ging sie schief.<\/p>\n<h3>Herbst protestierte - vergeblich<\/h3>\n<p>Der B\u00fcrokaufmann musste vor einem Jahr in Fr\u00fchrente gehen. Im Dezember 2018 war bei ihm Diabetes diagnostiziert worden. In der Folge bekam er eine Blutvergiftung, die aufs Herz ging, er lag monatelang im Krankenhaus. &quot;Seit Mai letzten Jahres war ich aber stabil&quot;, sagt Herbst.<\/p>\n<p>Am 17. Februar geriet sein Leben dann pl\u00f6tzlich aus dem Takt. &quot;Es haute mich aus den Pantinen&quot;, erz\u00e4hlt Herbst, &quot;mein Herz raste wie verr\u00fcckt.&quot; Er wurde sofort in der Flensburger Diako aufgenommen. Zwei Eingriffe sollten sein flatterndes Herz wieder unter Kontrolle bringen: eine Elektrokardioversion, also ein starker Stromimpuls, und eine Ablation, bei der Herzgewebe ver\u00f6det wird. Doch die Kardiologen verschoben die Eingriffe, weil sie bef\u00fcrchteten, dass sich in seinem Herz ein Blutgerinnsel l\u00f6sen k\u00f6nnte. Sie entlie\u00dfen ihn am 20. Februar mit einer Medikation zur Blutverd\u00fcnnung bei fortbestehender Rhythmusst\u00f6rung. All das steht in seinem Entlassungsbericht.<\/p>\n<p>Die Operationen wurden auf den 26. M\u00e4rz terminiert - doch dann kam die Coronakrise dazwischen und die Diako verschob die Behandlung erneut. &quot;Aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten auch wir viele geplante Operationen aufgrund einer Anordnung der Kieler Landesregierung absagen&quot;, erkl\u00e4rt dazu ein Kliniksprecher. <\/p>\n<p>Herbst sagt, er habe gegen die Absage protestiert. Er kriege kaum noch Luft, habe er der Krankenhausmitarbeiterin am Telefon gesagt. Es n\u00fctzte nichts. Warum nicht, diese Frage l\u00e4sst die Diako offen. &quot;Als Krankenhaus bedauern wir diese Situation, in der viele Patienten unter verschobenen Operationen und Behandlungen zu leiden hatten, naturgem\u00e4\u00df sehr&quot;, schreibt der Kliniksprecher.<\/p>\n<h3><strong>Die Einweisung der Haus\u00e4rztin fruchtete nicht<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr den schwerkranken Herbst begann eine Odyssee. Er rief seine beste Freundin an, Antje Ohl. Sie ist Intensiv- und An\u00e4sthesiefachkrankenschwester und hat lange in Hamburg gearbeitet. Dort h\u00f6rte sie sich um. Am Albertinen Krankenhaus w\u00fcrden noch dringliche Herzoperationen durchgef\u00fchrt, habe ihr eine Bekannte erz\u00e4hlt, so Ohl.<\/p>\n<p>Sie trug Herbst auf, sich schon mal eine Einweisung f\u00fcr das Hamburger Krankenhaus zu besorgen. Der rief in seiner Hausarztpraxis in seinem Wohnort an, einem Dorf an der d\u00e4nischen Grenze. Die Sprechstundenhilfe versprach, sich zu k\u00fcmmern. Mit der \u00c4rztin telefonierte er nicht. Am n\u00e4chsten Tag, es war jetzt Ende M\u00e4rz, holte ein Nachbar die Einweisung f\u00fcr Herbst ab. Aus Angst vor Covid-19 \u00fcbergab die Arzthelferin den Schein an der Haust\u00fcr. Herbst war da schon viel zu schwach, um selbst hinzugehen.<\/p>\n<p>Warum seine Haus\u00e4rztin nicht von sich aus anrief, um sich zu erkundigen, was mit dem chronisch kranken Fr\u00fchrentner los war? Herbst hat die Praxis von der Schweigepflicht gegen\u00fcber dem SPIEGEL entbunden \u2013 genau wie die \u00c4rzte der Diako und des UKE. Doch die Haus\u00e4rztin will sich nicht \u00e4u\u00dfern: &quot;Das muss zwischen dem Patienten, den \u00c4rzten und den medizinischen Institutionen gekl\u00e4rt werden&quot;, sagt sie am Telefon und droht mit ihrem Anwalt.<\/p>\n<p>Die Frau wei\u00df inzwischen, dass ihre Einweisung nicht fruchtete. Denn die Sekret\u00e4rin der Kardiologie am Albertinen Krankenhaus stellte Herbst offenbar nicht zu einem Arzt durch. Er war ausweislich seines Handys am 31. M\u00e4rz um 9:45 Uhr 4 Minuten und 12 Sekunden mit dem Sekretariat verbunden. Er erinnert sich, seine Herzfrequenz genannt zu haben \u2013 bis zu 150 Schl\u00e4ge pro Minute \u2013 und die S\u00e4ttigung seines Bluts mit Sauerstoff, er ma\u00df schon unter 70 Prozent. Es t\u00e4te ihr leid, soll die Frau gesagt haben, aber Ablationen, nein, die f\u00fchrten sie wegen Corona nicht durch. Ein Krankenhaussprecher kann die Darstellung nicht best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Nach diesem Versuch rief Herbst noch weitere Herzzentren an, in Sankt Georg, in Altona und im UKE. Niemand wollte ihm einen Termin f\u00fcr die n\u00f6tigen Eingriffe geben, sagt der Patient. Die Kliniken k\u00f6nnen das weder erkl\u00e4ren noch best\u00e4tigen. Sie sagen aber, ein Anruf eines Hausarztes h\u00e4tte in jedem Fall geholfen. Aber Herbsts \u00c4rztin wusste ja nicht, wie es ihrem Patienten ging. Sie hatte sich offenbar blind auf ihre Einweisung verlassen. Und er verlie\u00df sich auf seine Freundin, Antje, die Krankenschwester. Die riet ihm auch von einem Notruf ab. &quot;Ich wollte nicht&quot;, sagt Ohl, &quot;dass die Sanit\u00e4ter ihn in eine Klinik ohne die n\u00f6tigen Spezialisten bringen.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Als ihm schwarz vor Augen wurde, dachte ich, es sei vorbei&quot;<\/strong><\/h3>\n<p>Am selben Abend lief die Sendung &quot;Visite&quot;. Herbst sch\u00f6pfte Mut. Er rief die Freundin an: &quot;Schalt\u2018 mal auf NDR 3.&quot; Ein Intensivmediziner des UKE war im TV-Studio. Er sagte, es gebe nicht blo\u00df Notf\u00e4lle, auch dringliche Herzoperationen m\u00fcssten stattfinden. Gleich am n\u00e4chsten Morgen fuhr Antje Ohl nach Flensburg und holte den Freund ab. &quot;Es dauerte eine halbe Stunde, bis Torsten es von der Haust\u00fcr ins Auto geschafft hatte&quot;, sagt sie. &quot;Als ihm dann auch noch schwarz vor Augen wurde, dachte ich, es sei vorbei.&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Torsten Herbst ist Diabetiker. Wegen der Coronakrise wurden wichtige Eingriffe an seinem Herzen abgesagt. Es ging ihm immer schlechter, doch er bekam keinen OP-Termin. Dann griff eine Freundin ein. 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