{"id":204429,"date":"2020-04-23T16:42:08","date_gmt":"2020-04-23T16:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-apps-der-streit-um-die-richtige-app-gefahrdet-das-ziel\/"},"modified":"2020-04-23T16:42:08","modified_gmt":"2020-04-23T16:42:08","slug":"corona-apps-der-streit-um-die-richtige-app-gefahrdet-das-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-apps-der-streit-um-die-richtige-app-gefahrdet-das-ziel\/","title":{"rendered":"Corona-Apps: Der Streit um die richtige App gef\u00e4hrdet das Ziel"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">In der Schlammschlacht um die richtige Corona-App geht das Augenma\u00df verloren. Der Streit k\u00f6nnte die Akzeptanz der Apps gef\u00e4hrden und damit das bisher wichtigste Versprechen: dass die Nutzung freiwillig bleibt.  <\/p>\n<p>Kontroverse Debatten unter Forschern sind erw\u00fcnscht und normal, so funktioniert Wissenschaft. Doch rund um die sogenannte Corona-App spielt sich seit gut einer Woche Erstaunliches ab. Es gibt mittlerweile mindestens zwei zerstrittene Lager, es gibt es offene Briefe, schwere Anschuldigungen via Twitter, Unterstellungen von allen Seiten. <\/p>\n<p>Das allerdings ist un\u00fcblich und eher kontraproduktiv. Denn in dem Theaterdonner droht in Vergessenheit zu geraten, worum es gerade geht - n\u00e4mlich die Annahme, dass eine technologische Pandemiebek\u00e4mpfung teils schneller, treffgenauer und sogar datensparsamer sein kann als die bisherige Praxis, bei der Mitarbeiter von Gesundheits\u00e4mtern Infizierte nach ihren Kontakten der letzten Tage und Wochen befragen, samt Adresse und Telefonnummer, um die Infizierten dann zu informieren. An den Kaffee mit einem Bekannten mag sich mancher noch erinnern. Doch vom Gegen\u00fcber in der Bahn kennen Reisende in der Regel weder Namen noch Nummer, wenn sie sich \u00fcberhaupt an den Kontakt erinnern.<\/p>\n<p>Hier setzen beide aktuell so leidenschaftlich debattierten Modelle an, die Infektionsketten mithilfe des Smartphones fr\u00fcher unterbrechen wollen. Beide nutzen den Datenfunk Bluetooth. In beiden F\u00e4llen w\u00fcrde die App Listen von Ger\u00e4te-IDs anlegen - jede ID steht letztlich f\u00fcr einen Menschen, mit dem man einen Zeitraum von zehn bis 15 Minuten verbracht hat - wobei die IDs regelm\u00e4\u00dfig ver\u00e4ndert w\u00fcrden, um eine Zuordnung zu einer Person zu erschweren.<\/p>\n<p>Best\u00e4tigte Infizierte w\u00fcrden sich in der App mithilfe eines offiziellen Codes vom Testlabor selbst als Corona-positiv melden, falls sie das wollen. Erst hier beginnen die wesentlichen Unterschiede der beiden Modelle. In dem von Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) weiter favorisierten zentralen Ansatz der Pepp-PT-Allianz findet der Abgleich mit den Kontaktlisten auf einem zentralen Server statt, der in Deutschland beim Robert Koch-Institut stehen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde somit viele Informationen sammeln und einen &quot;sozialen Graphen&quot; (Wer hat wen wann wie lange getroffen) - allerdings nach Angaben der Verantwortlichen pseudonomisiert. Dort w\u00fcrde auch das Ansteckungsrisiko errechnet werden. Genau diese Informationen seien epidemiologisch besonders wertvoll, denn man k\u00f6nnte aus der Gesamtheit der Daten dazulernen, nicht \u00fcber das Verhalten Einzelner, sondern \u00fcber Muster bei vielen Nutzen. Diese statistischen, pseudonymisierten Daten w\u00fcrden nach Einsch\u00e4tzung der Bundesregierung und der Pepp-PT-Macher helfen, die Pandemie effizienter zu bek\u00e4mpfen und die verf\u00fcgbaren Tests zielgerichteter einzusetzen. Im Lockdown sollten sich schlie\u00dflich alle B\u00fcrger so verhalten, als seien sie infiziert, obwohl das bislang wohl auf kaum ein Prozent zutrifft. So gesehen lag also die Fehlerquote bislang bei 99 Prozent, was zu gigantischen wirtschaftlichen Sch\u00e4den f\u00fchrt. Corona-Apps k\u00f6nnten helfen, die Eingriffe pr\u00e4ziser zu machen. <\/p>\n<p>Allerdings sind zentrale Server leichter zu attackieren und missbrauchsanf\u00e4lliger als dezentrale Systeme. Die Nutzer m\u00fcssen dem Betreiber vertrauen, dass er seine Versprechen einh\u00e4lt. Hier setzt die massive Kritik der Verfechter von dezentralen L\u00f6sungen an. Sie argumentieren, Staaten und ihren Beh\u00f6rden sei nicht unbedingt zu trauen - und es sei technologisch auch gar nicht notwendig. In ihren dezentralen Modellen, von denen &quot;DP-3T&quot; weit gediehen ist, findet der Abgleich zwischen Infizierten und ihren Kontaktlisten auf den Endger\u00e4ten selbst statt, die st\u00e4ndig neue Informationen \u00fcber neu Infizierte abrufen. Das bedeutet erheblich mehr Datenverkehr als im zentralen Modell, aber die Server w\u00fcrden hier nur durchleiten und wesentlich weniger Informationen sammeln und aggregieren.<\/p>\n<p>Auch Apple und Google favorisieren dieses Modell, f\u00fcr das sie bis Mai zun\u00e4chst eine gemeinsame Schnittstelle in ihren marktbeherrschenden mobilen Betriebssystemen anbieten wollen, und etwas sp\u00e4ter gleich die gesamte n\u00f6tige Funktionalit\u00e4t, die eine zus\u00e4tzliche App \u00fcberfl\u00fcssig macht. Der dezentrale Ansatz scheint sich zunehmend durchzusetzen: Anfang der Woche entschied sich unter anderem \u00d6sterreich, wo bereits eine auf Bluetooth basierende Kontaktverfolgungs-App im Einsatz ist, auf ein dezentrales Modell umzuschwenken.<\/p>\n<p>Auch das hat allerdings erhebliche T\u00fccken. Besonders die Rolle von Google und Apple ist problematisch. Apple kann de facto die App-Variante des Robert Koch-Instituts auf seinen iPhones nutzlos machen, weil es bislang verhindert, dass Apps von Drittanbietern im Hintergrund st\u00e4ndig Bluetooth-Handshakes ausf\u00fchren. Das soll verhindern, dass sich Werbefirmen mit speziellem Code in irgendwelchen werbefinanzierten Apps eine Bluetooth-Ortungsfunktion verschaffen. Aber im Fall der Corona-App hat die Beschr\u00e4nkung zur Folge, dass die Nutzer ihre iPhones permanent entsperrt und die App im Vordergrund laufen lassen m\u00fcssten. Frankreich hat den Konzern bereits offiziell aufgefordert, sich in diesem Punkt zu bewegen.<\/p>\n<p>Es geht am Ende also auch um die Frage, wem die B\u00fcrger mehr Vertrauen schenken - dem Staat oder genauer dem Robert Koch-Institut - oder den Unternehmen aus dem Silicon Valley. Die beteuern zwar, dass schon aufgrund des dezentralen Designs bei ihnen keine Verkn\u00fcpfung zwischen den Handy-IDs und den bei ihnen gespeicherten Nutzerprofilen erfolgen k\u00f6nne. Andererseits hat insbesondere Google schon seit langem gro\u00dfen Hunger nach mehr Gesundheitsdaten seiner Nutzer. F\u00fcr viele in der Bundesregierung ist es keine angenehme Vorstellung, in der Frage der Pandemiebek\u00e4mpfung als Bittsteller bei den Plattform-Giganten auftreten zu m\u00fcssen. Vielleicht wollen sie auch einfach nicht den zeitlichen Vorsprung aufgeben, den sie durch den fr\u00fchzeitigen Entwicklungsbeginn von Apps in ihren L\u00e4ndern zu haben glauben.<\/p>\n<p>Was ist also besser, ein zentraler oder ein dezentraler Ansatz? Diese Risikoanalyse f\u00e4llt bei n\u00fcchterner Betrachtung weniger schwarzwei\u00df aus, als es in der hochgekochten Debatte erscheint. Daran erinnern ausgewiesene Experten wie Qiang Tang, Informatikprofessor am Luxemburgischen Institute of Science and Technology. Als Experte f\u00fcr Kryptografie und Blockchainsysteme hat einen guten \u00dcberblick \u00fcber die T\u00fccken der konkurrierenden Tracing-Techniken: &quot;Die meisten L\u00f6sungen, vielleicht sogar alle von ihnen, haben angreifbare Schw\u00e4chen in Sachen Datenschutz, die zu ernsthaften Bedenken f\u00fchren k\u00f6nnten.&quot;<\/p>\n<p>Auch Serge Vaudenay, Professor am Security and Cryptography Laboratory der EFPL in Lausanne und Autor eines Kryptografielehrbuchs, hat etliche Angriffs-Szenarien gegen eine dezentrale Corona-App zusammengetragen, sein Fachaufsatz tr\u00e4gt den Titel &quot;Zwischen Scylla und Charybdis&quot;, sinngem\u00e4\u00df: Die Wahl zwischen Pest und Corona.<\/p>\n<p>Er erinnert daran, dass die Technik zur \u00dcberwachung der Bewegungsprofile aller Handy-Nutzer seit Jahren in Betrieb ist, denn genau darauf basiert die Mobiltelefontechnik. Aber es gebe eben Gesetze, welche in demokratischen L\u00e4ndern den Missbrauch dieser Technik unter Strafe stellen. Wer Angst vor dem Missbrauch einer Corona-App habe, m\u00fcsste konsequenterweise erst recht Angst vor jedem Mobiltelefon haben.<\/p>\n<p>Kurzum: Ideal ist keine der L\u00f6sungen. Doch die schlechteste Variante k\u00f6nnte die weitere Selbstzerfleischung der konkurrierenden Lager sein. Eine sachliche Risikoanalyse kann nur im Kontext der aktuellen Krise stattfinden, und nicht nur unter eng kryptografischen Gesichtspunkten.<\/p>\n<p>Die von den Bef\u00fcrworten dezentraler L\u00f6sungen beschriebenen Szenarien zentraler L\u00f6sungen in H\u00e4nden ruchloser Autokraten wirken bedrohlich. Allerdings haben westliche Demokratien wie Deutschland aktuell und ganz real schon Grund- und Freiheitsrechten massiv eingeschr\u00e4nkt, vergleichbares hat es in der Geschichte des Grundgesetzes nicht gegeben. In dieser Situation ist es wichtig, L\u00f6sungen zu finden, welche diese Zumutungen m\u00f6glichst rasch lindern, auch wenn sie vielleicht nicht perfekt sein m\u00f6gen. Das ist bei beiden App-Ans\u00e4tzen der Fall. Doch immerhin basieren beide - der zentrale wie der dezentrale - bislang auf dem Prinzip der Freiwilligkeit.<\/p>\n<p>Vor allem sollte man die Apps auch vor dem Hintergrund ihrer Alternativen bewerten - n\u00e4mlich dem Alltag in Gesundheitseinrichtungen weltweit, die bislang analoge Kontaktverfolgung von Infizierten betreiben. Bislang basiert dieses Vorgehen auf ganz banaler, menschlicher Detektivarbeit:\u2008m\u00fchsam, ungenau, langsam und teuer. Und dennoch auch weiterhin unverzichtbar. Die Bundesregierung will die fast Gesundheits\u00e4mter personell und finanziell aufstocken.<\/p>\n<p>Patrick Larscheid kennt die T\u00fccken des Verfahrens , er ist als Amtsarzt im Gesundheitsamt des Berliner Stadtteils Reinickendorf zust\u00e4ndig f\u00fcr \u00fcber eine Viertelmillion Einwohner. Ein Team von insgesamt 150 Kontaktnachverfolgern telefoniert hier mit Infizierten und Betroffenen. Viele seiner Mitarbeiter sind &quot;ausgeliehen&quot; von anderen Stellen wie etwa dem Bauamt oder dem Sozialamt. Rund 500 Infektionsf\u00e4lle k\u00f6nnen sie pro Tag abarbeiten.<\/p>\n<p>Wie blickt der Amtsarzt auf die Tracing-Apps? Werden sie seine Arbeit schneller und effizienter machen? Larscheid sieht die aufgeregte Debatte n\u00fcchtern, pragmatisch: &quot;Was n\u00fctzt mir eine App, wenn ich vielleicht \u00fcber siebzig bin, auf dem Land wohne und gar kein Smartphone habe?&quot;, fragt er:\u2008&quot;Jeder hat derzeit eine Meinung, aber oft fehlt es an Realismus!&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schlammschlacht um die richtige Corona-App geht das Augenma\u00df verloren. Der Streit k\u00f6nnte die Akzeptanz der Apps gef\u00e4hrden und damit das bisher wichtigste Versprechen: dass die Nutzung freiwillig bleibt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":204430,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-204429","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-germany"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=204429"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204429\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/204430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=204429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=204429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=204429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}