{"id":204278,"date":"2020-04-22T20:23:58","date_gmt":"2020-04-22T20:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-zweite-welle-regierung-hat-mit-den-lockerungen-ein-falsches-signal-gesendet\/"},"modified":"2020-04-22T20:23:58","modified_gmt":"2020-04-22T20:23:58","slug":"corona-zweite-welle-regierung-hat-mit-den-lockerungen-ein-falsches-signal-gesendet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-zweite-welle-regierung-hat-mit-den-lockerungen-ein-falsches-signal-gesendet\/","title":{"rendered":"Corona &#8212; zweite Welle: &#171;Regierung hat mit den Lockerungen ein falsches Signal gesendet&#187;"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Wann wird das Leben wie vor der Coronakrise? Noch sehr lange nicht, meint die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum. Sie bef\u00fcrchtet, dass wir bald wieder da stehen, wo wir am Anfang waren.  <\/p>\n<p>Alles macht den Eindruck, als w\u00e4re das Schlimmste vor\u00fcber: Seit Anfang der Woche d\u00fcrfen kleinere Gesch\u00e4fte wieder \u00f6ffnen, ab Mai soll der Schulbetrieb schrittweise wiederaufgenommen werden. Die Kontaktbeschr\u00e4nkungen gelten zwar noch, aber die Lockerungen der Corona-Ma\u00dfnahmen vermitteln das Gef\u00fchl, dass wir bald endlich wieder unseren Alltag aufnehmen k\u00f6nnen. Weit gefehlt.<\/p>\n<p>Nicht nur die Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte vor &quot;\u00d6ffnungsdiskussionsorgien&quot; und zerschlug Hoffnungen, schon bald wieder zum normalen Leben zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Auch Virologen raten besorgt dazu, die F\u00fc\u00dfe still zu halten. Christian Drosten, der den Corona-Ausbruch so lange beobachtet wie kaum ein anderer deutscher Virologe, warnte im NDR-Podcast vor einer zweiten Infektionswelle, die Deutschland mit noch gr\u00f6\u00dferer Wucht treffen k\u00f6nnte als die erste. Das Virus verbreite sich unter der Decke der Ma\u00dfnahmen weiter, twitterte er am Sonntag. &quot;Auch jetzt schon.&quot;<\/p>\n<p>Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig stimmt dieser Einsch\u00e4tzung zu. Im Interview erkl\u00e4rt sie, warum die Lockerungen ein falsches Signal an die Bev\u00f6lkerung sind und was es br\u00e4uchte, damit Deutschland wirklich wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren kann.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Frau Brinkmann, wie sehr hat Sie die Entscheidung \u00fcberrascht, das Oktoberfest abzusagen?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann:<\/strong> Gar nicht. Die Absage des Oktoberfests war f\u00fcr mich total klar - und absolut notwendig. Doch selbst in meinem Bekanntenkreis gab es teilweise erstaunte Reaktionen, weil es ja erst in f\u00fcnf Monaten stattgefunden h\u00e4tte. Offenbar dachten sie, bis dahin ist alles wieder vorbei. Das hat mir gezeigt, dass ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung das Ausma\u00df der Situation noch nicht realisiert hat. Jetzt sehen die Menschen, dass einige Ma\u00dfnahmen gelockert werden, und das vermittelt ihnen den Eindruck, dass der Lockdown jetzt nach und nach aufgehoben wird und sie schon bald zum Alltag zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Unser bekannter Alltag ist noch weit entfernt?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann:<\/strong> Leider ja - und zwar noch sehr weit. Es ist eine Illusion, dass wir von einer Besserung sprechen k\u00f6nnen. Wir stehen immer noch am Anfang der Pandemie, das vergessen viele. Die Regierung hat mit den Lockerungen nun ein falsches Signal gesendet, und ich bef\u00fcrchte, dass viele das Virus jetzt nicht mehr so ernst nehmen und wieder mehr Kontakte treffen. Wenn das passiert, stehen wir bald wieder da, wo wir am Anfang standen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Christian Drosten prophezeit sogar, dass es uns bei der zweiten Welle noch viel schlimmer treffen wird. Glauben Sie das auch?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann:<\/strong> Wenn wir das jetzt auf die leichte Schulter nehmen, wird es genau zu diesem Szenario kommen, ja: Wir werden eine zweite Infektionswelle bekommen, die noch schwerer verl\u00e4uft als die bisherige, weil sie im ganzen Land stattfinden wird und weniger lokal begrenzt, wie es bei der ersten Welle der Fall war. Durch die Lockerungen wird die Ansteckungsrate vermutlich wieder \u00fcber eins steigen - dann haben wir wieder ein exponentielles Wachstum, das man nur sehr schwer unter Kontrolle bekommt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Derzeit liegt die Ansteckungsrate - also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter durchschnittlich ansteckt - unter eins. Das Virus geht also zur\u00fcck, daher haben Bund und L\u00e4nder ja auch die Lockerungen beschlossen. K\u00f6nnte man die Ma\u00dfnahmen nicht einfach wieder versch\u00e4rfen, falls die Epidemie wieder an Fahrt aufnimmt?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann: <\/strong>Das Risiko liegt darin, dass die tagesaktuellen Zahlen ja den Stand von vor zehn Tagen abbilden. Durch den Meldeverzug, die lange Inkubationszeit und die Zeit, bis ein Infizierter einen Arzt aufsucht und ein Testergebnis vorliegt, kommen die Zahlen erst zeitverz\u00f6gert. Wir bemerken also viel zu sp\u00e4t, wenn die Neuinfektionen wieder steigen. Dann k\u00f6nnte ein exponentielles Wachstum schon wieder in Gang sein. Und das wird dann auch zunehmend in die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung eingeschleppt werden, was zu einer h\u00f6heren Todesrate f\u00fchren wird. Die Folgen f\u00fcr das Gesundheitssystem und die Wirtschaft w\u00e4ren dann noch viel schlimmer als jetzt, weil wieder nur drastische Ma\u00dfnahmen im ganzen Land als L\u00f6sung bleiben w\u00fcrden. Auch die Schulen und Kitas m\u00fcssten sehr viel l\u00e4nger geschlossen bleiben, als wenn wir jetzt noch ein wenig durchhalten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> &quot;Noch ein wenig durchhalten&quot; ist sehr optimistisch: Derzeit kann niemand genau sagen, wie lange der Ausnahmezustand anh\u00e4lt. F\u00fcr die Politik ist es verst\u00e4ndlicherweise schwierig, die Balance zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Interessen zu finden. Vermutlich hat sich die Regierung dabei noch nie so sehr auf das Urteil von Virologen verlassen.<\/p>\n<p><strong>Brinkmann:<\/strong> Aus virologischer Sicht gibt es jedenfalls keine Grundlage, den Lockdown jetzt schon zu lockern. Ein intelligentes Anpassen ja, aber in Summe k\u00f6nnen wir uns kein Wiederaufflammen der Infektionszahlen leisten. Wir haben ja noch immer keine Tools an der Hand, mit denen wir dem Virus begegnen k\u00f6nnen, sollte es wieder Fahrt aufnehmen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Mit &quot;Tools&quot; meinen Sie einen Impfstoff?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann:<\/strong> Zum Beispiel. Oder wirksame Medikamente. Wir kennen die Krankheit ja noch nicht einmal gut, \u00c4rzte wissen noch viel zu wenig \u00fcber Therapiem\u00f6glichkeiten. Wenn wir die Krankheit und ihre Auswirkungen erst einmal besser verstehen, k\u00f6nnen wir sie fr\u00fcher und besser behandeln. Erst dann k\u00f6nnte man auch \u00fcber Lockerungen sprechen. Gerade haben wir aber nur eine einzige M\u00f6glichkeit, die Ausbreitung einzud\u00e4mmen: die Kontaktverfolgung, um Infizierte aus dem Verkehr zu ziehen. Und die ist aufwendig und bei den hohen Fallzahlen kaum zu bew\u00e4ltigen. Jetzt stellen sich auch noch Datensch\u00fctzer entsprechenden Apps, die die Nachverfolgung viel schneller machen k\u00f6nnten, in den Weg.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie meinen also, in diesem Fall geht die Eind\u00e4mmung der Pandemie \u00fcber den Datenschutz?<\/p>\n<p><strong>Brinkmann: <\/strong>Ich finde es unglaublich, dass diese Debatte \u00fcberhaupt gef\u00fchrt wird. Wir leben in Deutschland, einem der entwickeltsten L\u00e4nder der Welt, unser Gesundheitssystem ist fantastisch und gut vorbereitet. Wir haben die besten Voraussetzungen - nutzen sie aber nicht richtig. Und jetzt h\u00e4ngen wir bei der digitalen Unterst\u00fctzung hinterher. Dabei ist die Kontaktverfolgung immer noch die beste und quasi einzige Ma\u00dfnahme, die wir aktuell haben. Ich denke, wir m\u00fcssen f\u00fcr Pandemief\u00e4lle Datenschutzregeln zeitlich befristet lockern. Letztlich steht der Datenschutz in Konkurrenz zu Grundrechten, die uns im Moment genommen sind. Alles k\u00f6nnen wir nicht haben, bis die Pandemie vor\u00fcber ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann wird das Leben wie vor der Coronakrise? Noch sehr lange nicht, meint die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum. 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