{"id":203870,"date":"2020-04-20T13:22:04","date_gmt":"2020-04-20T13:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/kohleminen-in-sudafrika-das-recht-zu-atmen\/"},"modified":"2020-04-20T13:22:04","modified_gmt":"2020-04-20T13:22:04","slug":"kohleminen-in-sudafrika-das-recht-zu-atmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/kohleminen-in-sudafrika-das-recht-zu-atmen\/","title":{"rendered":"Kohleminen in S\u00fcdafrika: Das Recht zu atmen"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Jedes Jahr sterben Tausende von S\u00fcdafrikanern an den Folgen der Kohleverstromung. Die Corona-Pandemie versch\u00e4rft die Gesundheitskrise.  <\/p>\n<p>Es ist einer der seltenen Tage, an denen Shawn keine Beschwerden hat. Heute brauche er das Ding nicht, sagt der 13-j\u00e4hrige Sch\u00fcler, w\u00e4hrend er auf seinem Smartphone herumdaddelt. Das Ding, ein t\u00fcrkisgr\u00fcner Inhalator, liegt neben ihm auf dem Sofa. Shawn muss die Maske immer dann aufsetzen, wenn er an akuter Atemnot leidet. Eine schwere Allergie, ausgel\u00f6st durch Luftverschmutzung, hie\u00df die erste Diagnose. &quot;Dieses Problem hatte er schon als kleines Kind&quot;, sagt Shawns Vater Calvin Hlabangwane.<\/p>\n<p>Der 32-j\u00e4hrige Bergarbeiter spielt eine Audiodatei ab, auf der die Atmung des schlafenden Sohnes zu h\u00f6ren ist; es sind rasselnde, schnarrende Ger\u00e4usche, die die Eltern seit Jahren beunruhigen. In diesen Tagen w\u00e4chst ihre Angst, dass er sich mit dem Coronavirus infizieren k\u00f6nnte. Denn Shawn ist durch seine Vorerkrankung besonders anf\u00e4llig. Er geh\u00f6rt zu den mehr als 100.000 jungen S\u00fcdafrikanern, die laut einer Studie der Umweltorganisation groundWork allj\u00e4hrlich an Bronchitis oder Asthma erkranken.<\/p>\n<p>In seiner Region gebe es die meisten F\u00e4lle, sagt Calvin Hlabangwane. Er klingt resigniert, als m\u00fcsse seine Familie chronische Leiden in Kauf nehmen, weil sie in Vosman wohnt, einem heruntergekommenen Township in Mpumalanga. In dieser Provinz liegt das Zentrum des s\u00fcdafrikanischen Kohlebergbaus, hier wird ein Gro\u00dfteil des Brennmaterials aus der Erde gew\u00fchlt und zur Stromgewinnung verfeuert.<\/p>\n<p>S\u00fcdafrika, der siebtgr\u00f6\u00dfte Kohleproduzent der Welt, erzeugt nahezu 90 Prozent seiner Elektrizit\u00e4t aus Kohle und steht auf der globalen Rangliste des Kohlendioxid-Aussto\u00dfes pro Kopf auf dem neunten Platz. Das wird sich auch in Zeiten des Klimawandels nicht so schnell \u00e4ndern, denn die Regierung in Pretoria will die fossilen Energiereserven in den kommenden Jahrzehnten noch intensiver nutzen, um das Wirtschaftswachstum des Schwellenlandes anzutreiben. Die Kollateralsch\u00e4den tr\u00e4gt die Bev\u00f6lkerung in den Bergbaugebieten.   <\/p>\n<p>Die Studie von groundWork fand heraus, dass in S\u00fcdafrika jedes Jahr mehr als 2.200 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke sterben, h\u00e4ufigste Todesursachen seien Infektionen der unteren Atemwege, Lungenentz\u00fcndungen, Krebs, Herzerkankungen.<\/p>\n<p>In Emalahleni, einer Bergbaustadt mit 400.000 Einwohnern, zu der auch die Township Vosman geh\u00f6rt, ist die Lage besonders dramatisch. Emalahleni bedeutet in der Sprache isiZulu &quot;Ort der Kohle&quot;, fr\u00fcher, in den Zeiten der Apartheid, hie\u00df die Stadt Witbank. Der Name hat sich ge\u00e4ndert, aber die Mehrheit der \u00fcberwiegend schwarzen Einwohner ist so arm wie eh und je. Die Jugendarbeitslosigkeit wird auf 50 Prozent gesch\u00e4tzt, viele Haushalte haben keinen Trinkwasseranschluss, die medizinische Versorgung ist miserabel.<\/p>\n<p>Zurzeit kursiert in den sozialen Medien eine Luftaufnahme der Stadt. Darunter steht: &quot;Witbank in Quarant\u00e4ne. Aber nicht wegen des Coronavirus, sondern weil es ein Schei\u00dfloch ist.&quot;<\/p>\n<p>Emalahleni wird regelrecht eingekesselt durch Kohlezechen, Kraftwerken und Metallschmelzen, neben den Siedlungen t\u00fcrmen sich die schwarzen W\u00e4nde der Abraumhalden auf. Stromtrassen durchschneiden die Landschaft, Kolonnen von Schwertransportern donnern unabl\u00e4ssig zwischen den Minen und den Kraftwerken hin und her. Saure Grubenabw\u00e4sser verseuchen den Boden, zahlreiche Fl\u00fcsse und Seen sind durch Schwermetalle vergiftet. \u00dcber den Townships liegt ein grauer Dunstschleier, nachts ist der Sternenhimmel kaum noch zu sehen, man h\u00f6rt unabl\u00e4ssig das dumpfe Grollen der Sprengungen in den Minen.  <\/p>\n<p>Allein in Mpumalanga betreibt der staatliche Strommonopolist Eskom zw\u00f6lf Kraftwerke, landesweit verbrennen seine Meiler 120 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr und sto\u00dfen dabei rund 200 Milliarden Liter Rauchgase aus.<\/p>\n<p>Die Bewohner von Vosman schlafen bei geschlossenen Fenstern, dennoch dringt toxischer Feinstaub in ihre H\u00fctten ein, und jeden Morgen sind die D\u00e4cher und Stra\u00dfen von einer pechschwarzen Schmierschicht \u00fcberzogen. &quot;Die \u00c4rzte sagen, dass mein Sohn wegen der schlechten Luft krank wurde&quot;, sagt Calvin Hlabangwane, &quot;aber ich bin mir nicht sicher.&quot; Er will die Kohleindustrie nicht anklagen, weil er als Maschinist einen festen Job in einem Bergwerk hat. Er hat gerade sein kleines Haus ausgebaut und konnte sich sogar einen Generator leisten, um die st\u00e4ndigen Stromausf\u00e4lle zu \u00fcberbr\u00fccken. Vor der T\u00fcr steht sein ganzer Stolz, ein Gebrauchtwagen mit Kunstledersitzen.<\/p>\n<p>&quot;Alle, die Arbeit haben, befinden sich in diesem Dilemma. Niemand bei\u00dft in die Hand, die ihn f\u00fcttert&quot;, sagt Promise Mabilo. Die 44-j\u00e4hrige Hausfrau aus Vosman wurde zur \u00d6koaktivistin, weil auch ihr Sohn Lifa krank ist und seit seinem achten Lebensjahr nicht mehr ohne Asthmaspray auskommt. Mabilo sammelt f\u00fcr die Umweltorganisation Vukani Daten in den Townships. Sie fasst die Ergebnisse der Befragungen mit zwei Worten zusammen: &quot;Coal kills&quot;. Kohle t\u00f6tet.<\/p>\n<p>Auf ihrem Handy hat Mabilo ein Foto gespeichert, das sie bei einer Demo vor dem Brandenburger Tor in Berlin zeigt. &quot;Unsere Protestbewegungen sind weltweit vernetzt, wir m\u00fcssen \u00fcberall gegen den Kohlewahnsinn k\u00e4mpfen. Aber ich glaube, nirgendwo ist es so schlimm wie bei uns.&quot; Ein Report von Greenpeace best\u00e4tigt ihre Vermutung: Im Herbst 2018 ergab die Auswertung vergleichender Satellitendaten, dass keine andere Region der Welt st\u00e4rker durch Stickstoffdioxide belastet wird.   <\/p>\n<p>Viele Menschen in Mpumalanga w\u00fcrden ahnen, dass sie langsam vergiftet werden, sagt Mabilo. &quot;Aber die meisten wissen nicht, wie sie sich dagegen wehren sollen.&quot; Nun kommt auch noch die Coronakrise auf die Region zu. An medizinisch unterversorgten Orten wie Emalahleni k\u00f6nnte sie ein Inferno ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das Bezirkskrankenhaus im Stadtzentrum ist auf die Pandemie nicht vorbereitet und schon jetzt hoffnungslos \u00fcberlastet. Jeden Tag dr\u00e4ngen sich Hunderte Patienten in den Korridoren, \u00fcberwiegend kranke M\u00fctter und Kinder. Sie klagen \u00fcber brennende Augen, entz\u00fcndete Nebenh\u00f6hlen, st\u00e4ndigen Kopfschmerz. &quot;Gerade jetzt br\u00e4uchten wir viel mehr Ressourcen, um die Zunahme von chronischen Lungenerkrankungen einzud\u00e4mmen&quot;, sagt Mohamed Khan, 55, ein leitender Arzt, der seit 13 Jahren in der Klinik arbeitet. Er kommt gerade aus einer Krisensitzung mit der Stadtverwaltung; sein Krankenhaus hat seit einer Woche kein Wasser mehr. &quot;So schlimm war die Lage noch nie. Momentan k\u00f6nnen wir nicht mal den OP benutzen.&quot;  <\/p>\n<p>Doch auch in Corona-Zeiten geht die Kohleschlacht unvermindert weiter. Die Regierung zeige wenig Interesse an der F\u00f6rderung erneuerbarer Energien und setze weiterhin auf Eskom, den staatlichen Stromversorger, sagt die Aktivistin Promise Mabila. Und sie sagt auch, warum das so ist: &quot;Weil sich unsere korrupten Politiker an Eskom bereichern k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p>Das Unternehmen wird seit Jahren gepl\u00fcndert und hat einen riesigen Schuldenberg angeh\u00e4uft, dennoch baut es gerade zwei neue Gro\u00dfkraftwerke in Mpumalanga. Eines entsteht in Kusile, vierzig Kilometer von Emalahleni entfernt: Das viertgr\u00f6\u00dfte Kraftwerk der Welt, ein gigantisches Unget\u00fcm, das 4.800 Megawatt Strom erzeugen soll. Am Bau der beiden Supermeiler sind angeblich 19 deutsche Firmen beteiligt. W\u00e4hrend in Deutschland der Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen wurde, lassen sich in der Kaprepublik offenbar noch gute Profite mit Dreckschleudern machen.<\/p>\n<p>Das Umweltministerium in der Hauptstadt Pretoria preist die neuen Mammutanlagen als Beitrag zum Klimaschutz an. Denn sie  sollen mit moderner Rauchgasentschwefelungstechnik ausgestattet werden und alte Dreckschleudern ersetzen. Mabilo h\u00e4lt das f\u00fcr Augenwischerei: &quot;Solche Ma\u00dfnahmen werden nicht verhindern, dass mehr Menschen in Mpumalanga an den Folgen der Luftverschmutzung sterben werden. Auch wir brauchen endlich eine Energiewende.&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr sterben Tausende von S\u00fcdafrikanern an den Folgen der Kohleverstromung. Die Corona-Pandemie versch\u00e4rft die Gesundheitskrise. Es ist einer der seltenen Tage, an denen Shawn keine Beschwerden hat. 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