{"id":203431,"date":"2020-04-17T20:22:09","date_gmt":"2020-04-17T20:22:09","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/fluchtlingsdrama-im-mittelmeer-europas-todliche-verzogerungstaktik\/"},"modified":"2020-04-17T20:22:09","modified_gmt":"2020-04-17T20:22:09","slug":"fluchtlingsdrama-im-mittelmeer-europas-todliche-verzogerungstaktik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/fluchtlingsdrama-im-mittelmeer-europas-todliche-verzogerungstaktik\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingsdrama im Mittelmeer: Europas t\u00f6dliche Verz\u00f6gerungstaktik"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">F\u00fcnf Tote, sieben Vermisste: Mitten in der Corona-Pandemie will Europa mit aller Macht verhindern, dass Fl\u00fcchtlinge ankommen - und verz\u00f6gert Rettungen. Besonders Malta steht in der Kritik.  <\/p>\n<p>Xandru Cassar will am Sonntag gerade das Osterfest feiern, als er von den Fl\u00fcchtlingsbooten h\u00f6rt, die niemand rettet. Cassar, 18 Jahre alt, stolzer Malteser, schaut sich an Ostern normalerweise die Messe im Fernsehen an, das ist ihm wichtig. An diesem Sonntag aber packt ihn die Wut. Er schnappt sich seinen Rucksack und f\u00e4hrt mit dem Fahrrad Richtung Amtssitz des Premierministers.<\/p>\n<p>Keine halbe Stunde sp\u00e4ter sitzt er auf den Stufen des &quot;Auberge de Castille&quot; in Valleta, der Hauptstadt Maltas. In seiner Hand h\u00e4lt er ein Plakat aus brauner Pappe. &quot;Man kann Menschen nicht sterben lassen&quot;, hat Cassar geschrieben. &quot;Weder am Ostersonntag, noch an einem anderen Tag&quot;.<\/p>\n<p>Die Menschen f\u00fcr die Cassar demonstriert, sitzen zu diesem Zeitpunkt in einem kleinen Boot. 63 Fl\u00fcchtlinge dr\u00e4ngen sich an Bord, sie kommen aus Eritrea und dem Sudan, unter ihnen sind acht Frauen und drei Kinder. Drei Tage zuvor sind sie aus Libyen aufgebrochen. Inzwischen haben sie die maltesische Rettungszone erreicht. Aber Malta schickt kein Rettungsschiff.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge hatten dem &quot;Alarmphone&quot; die Position durchgegeben. Die NGO leitet Notrufe von Fl\u00fcchtlingen an die Rettungsleitstellen in Rom, Tripolis oder Valletta weiter. Auch dieses Mal informieren die Aktivisten die Beh\u00f6rden, bitten um eine Rettungsaktion, mindestens vier Boote seien in Seenot, schreiben sie.<\/p>\n<p>Auf Twitter teilen die Aktivisten die Hilferufe der Fl\u00fcchtenden. &quot;Wir sind nicht okay&quot;, sagt eine Frau am Telefon. Zwei Leute seien bereits tot. &quot;Es gibt kein Wasser, kein Essen.&quot;<\/p>\n<p>In der Coronakrise schottet sich Europa noch st\u00e4rker ab als zuvor. Das Virus dient als Begr\u00fcndung, um Fl\u00fcchtende nicht mehr an Land zu lassen. In der Pandemie sch\u00fctzen Nationalstaaten vor allem die eigenen B\u00fcrger. Die Rechte von Migranten und Fl\u00fcchtlingen leiden als erstes.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>So hat der griechische Premier die K\u00fcstenwache angewiesen, Fl\u00fcchtlingsboote zu stoppen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Malta und Italien haben ihre H\u00e4fen f\u00fcr Schiffe von privaten Seenotrettern geschlossen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Man habe nicht die Ressourcen, um mitten in der Pandemie Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen f\u00fcr anlandende Migranten durchzuf\u00fchren, hei\u00dft es. Auch die Sorge vor weiteren Infizierten an Bord sei gro\u00df.<\/p>\n<p>Malta verz\u00f6gert zudem offensichtlich Rettungsaktionen, obwohl das v\u00f6lkerrechtlich verboten ist. Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass Gefl\u00fcchtete auf Malta an Land kommen. Migranten beschuldigten das Milit\u00e4r j\u00fcngst, ihren Motor unbrauchbar gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Der Inselstaat setzt darauf, dass die Fl\u00fcchtlinge von der libyschen K\u00fcstenwache und zivilen Schiffen abgefangen und nach Tripolis gebracht werden - oder es alleine bis nach Italien schaffen. Zwei Boote gelangten in dieser Woche in der Tat aus eigener Kraft an die italienische K\u00fcste.<\/p>\n<p>Erik Marquardt, Europaabgeordneter der Gr\u00fcnen, hat an Ostern sieben Mal versucht, den Seenotfall bei der Rettungsleitstelle in Valletta zu melden. Die Aufnahmen der Anrufe liegen dem SPIEGEL vor. Man sei besch\u00e4ftigt und rufe zur\u00fcck, hie\u00df es. Manches Mal legten die Mitarbeiter einfach auf. Auch auf eine E-Mail habe er keine Antwort bekommen, sagt Marquardt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit Mittwoch ist klar, dass die europ\u00e4ische Verz\u00f6gerungstaktik t\u00f6dlich ist. In Tripolis gingen an diesem Tag nur 51 der 63 Fl\u00fcchtlinge an Land. F\u00fcnf Menschen wurden tot im Boot gefunden, sieben weitere werden vermisst.<\/p>\n<p>Zuvor hatte ein libysches Fischerboot die Menschen in der maltesischen Rettungszone an Bord genommen und nach Libyen zur\u00fcckgebracht. Die Rettungsleitstelle habe die Aktion koordiniert, sobald die Migranten in der maltesischen Rettungszone gewesen seien, teilte Malta mit. Ein Hubschrauber des maltesischen Milit\u00e4rs soll laut &quot;Alarmphone&quot; \u00fcber dem Boot geflogen sein.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingsaktivisten werfen der maltesischen Regierung vor, das Leben der zw\u00f6lf Fl\u00fcchtlinge auf dem Gewissen zu haben. &quot;Die Rettungsstelle hat zu sp\u00e4t und nicht angemessen reagiert&quot;, sagt Maurice Stierl, Aktivist von &quot;Alarmphone&quot;.<\/p>\n<p>Drei Migranten seien ertrunken, weil die Malteser zun\u00e4chst nur ein untaugliches Frachtschiff zur Hilfe gerufen h\u00e4tten. Au\u00dferdem habe Malta die Aktion so koordiniert, dass die Menschen zur\u00fcck in ein Kriegsland verfrachtet worden seien. &quot;W\u00e4hrend dieser langen Reise zur\u00fcck nach Libyen sind zwei weitere Menschen verstorben, denen man vielleicht in Malta h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p>Auch das Uno-Fl\u00fcchtlingshilfswerks bezieht klar Position. Man h\u00e4tte dieses Boot nie treiben lassen d\u00fcrfen, sagt Vincent Cochetel, Libyen-Beauftragter des UNHCR. &quot;Es ist klar, dass der Tod der Menschen h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen, wenn diejenigen, die in der Lage waren, sie zu retten, dies rechtzeitig getan h\u00e4tten.&quot;<\/p>\n<p>Selbst f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Bootsungsl\u00fccks ist die Tortur nicht vorbei. Die 51 Fl\u00fcchtlinge seien wohl in ein Internierungslager in Tarek al-Sikka gebracht worden, berichtet Cochetel dem SPIEGEL. In libyschen Haftlagern werden Fl\u00fcchtlinge nicht nur gefangen gehalten, sondern gefoltert, vergewaltigt und get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Malta bestreitet den von &quot;Alarmphone&quot; geschilderten Ablauf im Wesentlichen nicht. Man habe in der N\u00e4he befindliche Schiffe zur Hilfe gerufen, sobald das Schiff in der eigenen Rettungszone gewesen sei, hei\u00dft es in einem Statement. Au\u00dferdem habe zuvor ein EU-Flugzeug das Fl\u00fcchtlingsboot \u00fcberflogen, die Position sei bekannt gewesen. Aber auch die EU habe keine Schiffe herbeigerufen.<\/p>\n<p>Die harte Haltung Maltas d\u00fcrfte auch damit zu tun haben, dass der Verteilungsmechanismus, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) einst durchgesetzt hatte, nicht mehr funktioniert. Wegen der Coronakrise werden in Malta ankommende Fl\u00fcchtlinge nicht mehr auf aufnahmewillige europ\u00e4ische Staaten verteilt. Sie m\u00fcssten also zun\u00e4chst in Malta bleiben.<\/p>\n<p>Sollten Italien und Malta ihre Verweigerungshaltung nicht aufgeben, droht das Mittelmeer wieder zum Massengrab zu werden. Aus der T\u00fcrkei, Tunesien, Griechenland und Algerien w\u00fcrden seit Ausbruch des Coronavirus kaum mehr Menschen nach Italien aufbrechen, sagt der italienische Migrationsforscher Matteo Villa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Tote, sieben Vermisste: Mitten in der Corona-Pandemie will Europa mit aller Macht verhindern, dass Fl\u00fcchtlinge ankommen - und verz\u00f6gert Rettungen. Besonders Malta steht in der Kritik. 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