{"id":203173,"date":"2020-04-16T09:42:10","date_gmt":"2020-04-16T09:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-wie-sich-die-techindustrie-jetzt-verandert\/"},"modified":"2020-04-16T09:42:10","modified_gmt":"2020-04-16T09:42:10","slug":"corona-krise-wie-sich-die-techindustrie-jetzt-verandert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-wie-sich-die-techindustrie-jetzt-verandert\/","title":{"rendered":"Corona-Krise: Wie sich die Techindustrie jetzt ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Wie w\u00e4re die Welt mit einer solchen Pandemie umgegangen, wenn es kein Internet g\u00e4be? Wie h\u00e4tte die Coronakrise ausgesehen, w\u00e4re sie beispielsweise 1980 ausgebrochen, als es keine privaten Computer und Smartphones gab? Das Virus h\u00e4tte sich bestimmt langsamer verbreitet, weil die Globalisierung erst in ihren Anf\u00e4ngen stand. Seinen Weg um den Globus gefunden h\u00e4tte es wohl dennoch. Wie h\u00e4tten Millionen von Menschen Social Distancing und Homeoffice betrieben, als Zoom, Slack, Microsoft Teams und Google Classroom noch nicht existierten? Wie h\u00e4tten wir die Zahl der Neuinfektionen reduziert, wie h\u00e4tten wir die Kurve gebogen? Wahrscheinlich retten momentan nicht zuletzt die kommunikationstechnischen M\u00f6glichkeiten unserer digitalisierten Gesellschaft viele Menschenleben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ver\u00e4ndert die Coronakrise das Verh\u00e4ltnis zwischen der Digitalindustrie und ihren Nutzern, das in den letzten Jahren von Skandalen und wachsendem Misstrauen bestimmt war. Corona beschleunigt Trends, macht manche Ideen und Firmen zu Gewinnern und andere zu Verlierern der Krise. Doch gerade im Silicon Valley zeigen sich in der Krise auch einige gro\u00dfe Entwicklungslinien, die unsere Gesellschaft nachhaltig pr\u00e4gen k\u00f6nnten.<\/p>\n<h3><strong>1. Der Techlash ist vorerst abgesagt<\/strong><\/h3>\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Cambridge Analytica-Skandal war die Techindustrie oft in der Defensive. W\u00e4hrend die gro\u00dfen F\u00fcnf \u2013 Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft \u2013 davor fast als Heilsbringer gefeiert wurden, drehten sich die Techdebatten der vergangenen Jahre um so h\u00e4ssliche Dinge wie Fake News, Wahlmanipulationen, Marktmonopole, Datenmissbrauch, T\u00e4uschung von Anzeigenkunden, Onlinesucht und Steuervermeidung. Der Begriff daf\u00fcr hei\u00dft Techlash, der gro\u00dfe Vertrauensverlust der \u00d6ffentlichkeit in die Techindustrie, die Sinnkrise des Silicon Valley.<\/p>\n<p>Doch seit die Pandemie die Menschen ins Homeoffice zwingt, r\u00e4umt die \u00fcberbordende Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen vorerst Bedenken beiseite. Und auch wenn da und dort das WLAN ruckelt, die Onlinebestellung nicht p\u00fcnktlich ankommt und man sich ab und zu mit l\u00e4stigem &quot;Zoombombing&quot; herumschlagen muss \u2013 im Gro\u00dfen und Ganzen funktioniert die digitale Infrastruktur erstaunlich zuverl\u00e4ssig. Der alte Ruf jedenfalls, die Techgiganten in die Schranken zu weisen, wie er in den USA prominent von der ehemaligen demokratischen Pr\u00e4sidentschaftskandidatin Elizabeth Warren mit ihrem Slogan &quot;Break Up Big Tech&quot; vorgetragen wurde, ist verhallt. Diverse kartell- und wettbewerbsrechtliche Untersuchungen, die etwa Facebook oder die Google-Mutter Alphabet im Fokus hatten, liegen jetzt auf Eis. Die Hoffnung, dass das nach europ\u00e4ischem Vorbild gestaltete kalifornische Datenschutzgesetz bald zu landesweiten Privacy-Regelungen f\u00fchren w\u00fcrde, muss vertagt werden. Es gibt jetzt Wichtigeres zu tun.<\/p>\n<h3>2. Big Tech gewinnt<\/h3>\n<p>Die Krise st\u00e4rkt die Stellung der f\u00fcnf gro\u00dfen Techkonzerne weiter. Facebook meldet eine um 50 Prozent erh\u00f6hte Nachrichtenaktivit\u00e4t in L\u00e4ndern, die besonders schwer von Covid-19-Erkrankungen betroffen sind. Apple hat anf\u00e4ngliche Lieferkettenprobleme mit seinen asiatischen Zulieferern schnell \u00fcberwunden. Die Techgiganten an der US-Westk\u00fcste, alle mit riesigen Finanzreserven, haben ohnehin eine ann\u00e4hernd monopolistische Marktstellung in ihren jeweiligen Gesch\u00e4ftsfeldern. Sie m\u00f6gen zwar derzeit moderat an B\u00f6rsenwert verlieren, aber mittelfristig scheinen sie gut ger\u00fcstet gegen das Virus. Kleinere Wettbewerber dagegen, so es welche gibt, k\u00f6nnten auf der Strecke bleiben.<\/p>\n<p>Amazon sticht als Krisengewinner heraus. Der Onlinehandelsriese, der fast alles nach Hause liefert, war f\u00fcr viele in den USA l\u00e4ngst ein unverzichtbarer Grundversorger, \u00e4hnlich den Wasser- oder Energielieferanten. Diese Entwicklung wird nun noch beschleunigt. W\u00e4hrend in den USA derzeit Millionen Menschen arbeitslos werden, will Amazon 100.000 neue Arbeitskr\u00e4fte einstellen, um mit der neuen Krisenrealit\u00e4t Schritt halten zu k\u00f6nnen. Auch wenn die Kunden, sobald die Vorschriften gelockert werden, wieder \u00f6fter selbst zum Supermarkt fahren werden, ist zu erwarten, dass dieses ver\u00e4nderte Konsumverhalten auch in einer Nach-Corona-Welt zumindest teilweise Bestand haben wird.<\/p>\n<h3>3. Die Sharing-\u00d6konomie ist infrage gestellt<\/h3>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Corona-Verlierer in der Techbranche sind Plattform-Unternehmen wie der Wohnraumvermittler AirBnB, der B\u00fcroanbieter WeWork, Fahrdienstleister wie Lyft und Uber oder Scooter-Anbieter wie Bird und Lime. Die Pandemie trifft sie besonders hart: Die Leute bleiben zu Hause, sie buchen keine Unterk\u00fcnfte mehr, fahren kaum noch Taxi oder Roller, gehen nicht mehr ins Gemeinschaftsb\u00fcro. Diese Nachfrage d\u00fcrfte zwar wieder wachsen, wenn die Krise abflaut oder vorbei ist.<\/p>\n<p>Doch das Virus stellt l\u00e4ngerfristig wom\u00f6glich auch eine grunds\u00e4tzliche Vertrauensfrage an die Sharing-Firmen, die H\u00e4user, B\u00fcros, Autos oder Roller vermitteln: Setzen sich die Leute so bald wieder in ein Auto, in dem gerade noch ein Unbekannter sa\u00df? Machen sie so bald wieder Urlaub in einer Ferienwohnung, dessen Besitzer sie nicht kennen? Mieten sie sich in ein Gemeinschaftsb\u00fcro ein, wo man sich permanent im Nies- und Hustradius diverser Menschen aufh\u00e4lt?<\/p>\n<p>M\u00f6glich also, dass die ebenfalls schwer getroffene traditionelle Hotelindustrie mit mehr Dynamik aus der Krise hervorkommen wird als AirBnB. Die herk\u00f6mmliche Autoindustrie k\u00f6nnte von der Schw\u00e4che von Uber und Konsorten sogar profitieren. In den USA ist derzeit eine Renaissance des klassischen amerikanischen Auto-Lifestyles zu beobachten: Alles, wof\u00fcr man nicht aus dem Pkw steigen muss, hat Konjunktur, von Drive-through-Restaurants bis Drive-through-Bankfilialen. Sogar das alte Autokino feiert ein Revival. Die Idee von Uber Pool dagegen, die preiswerte, mit anderen Passagieren geteilte Taxifahrt, wird wohl so bald nicht wieder auferstehen.<\/p>\n<p>Auch WeWork leidet: Deren Kunden machen vom Recht auf kurzfristige K\u00fcndigungen Gebrauch, w\u00e4hrend die Firma selbst f\u00fcr ihre Liegenschaften langfristige Vertr\u00e4ge abgeschlossen hat. Der B\u00fcroraumvermieter, der sich schon beim vergeigten B\u00f6rsengang im Herbst schwer angeschlagen zeigte, k\u00f6nnte sich als fr\u00fches prominentes Opfer des Virus erweisen.<\/p>\n<h3>4. Die Digitalisierung wird zur Klassenfrage<\/h3>\n<p>Es geh\u00f6rte stets zum Wesen der Digitalisierung, dass sie physischen menschlichen Kontakt reduziert. Die Coronakrise beschleunigt somit ein Lebens- und Arbeitsmodell, das die Digitalindustrie schon lange f\u00f6rdert und das durch diese Pandemie nun wom\u00f6glich von der Option zum Standard wird. Zoom erm\u00f6glicht Meetings aus der Ferne, der Laptop erl\u00f6st vom Gang ins B\u00fcro, Amazon ersetzt das Einkaufszentrum, soziale Medien reduzieren menschliche Kontakte in der Drau\u00dfen-Welt.<\/p>\n<p>Allerdings steht all das l\u00e4ngst nicht allen Menschen im selben Ma\u00df zur Verf\u00fcgung. Die allzeit vernetzte Gesellschaft bringt diverse Ungerechtigkeiten mit sich, weil sich nicht alle Bereiche des Lebens digitalisieren lassen oder nicht alle die Ressourcen haben, um sich einzuloggen. Wer in den USA einen Job hat, den man nicht am Bildschirm ausf\u00fchren kann, hat diesen entweder verloren (wie etwa im Gast- und Reisegewerbe, im Transportwesen oder bei Fluggesellschaften) oder er muss ihn unter erh\u00f6htem Ansteckungsrisiko weiter ausf\u00fchren. So wie die pl\u00f6tzlich systemrelevanten und oft besonders schlecht bezahlten Angestellten der Superm\u00e4rkte, Tankstellen und Kurierdienstleister. Der Graben zwischen analogen und digitalen Jobs vertieft sich. Hier entsteht ein Fu\u00dfvolk, das die Homeoffice-Elite mit dem Notwendigsten versorgt.<\/p>\n<p>Digitale Ungleichheit zeigt sich auch in den Schulen, die auf Fernunterricht umstellen mussten. L\u00e4ngst nicht alle der mehr als 50 Millionen Sch\u00fcler, die in den USA derzeit von Schulschlie\u00dfungen betroffen sind, haben WLAN oder einen Computer zu Hause. Allein in New York, so eine Sch\u00e4tzung, gibt es 300.000 Sch\u00fcler ohne verl\u00e4sslichen privaten Zugang zum Internet. Eine digital gerechte Gesellschaft wird den Zugang ihrer Mitglieder zu digitalen Grundg\u00fctern k\u00fcnftig ebenso garantieren m\u00fcssen wie jenen zu Wasser oder Elektrizit\u00e4t.<\/p>\n<h3>5. Start-ups m\u00fcssen bangen<\/h3>\n<p>Das Silicon Valley ist nicht nur die Heimat der Techgiganten, es ist vor allem auch ein gewaltiger Durchlauferhitzer f\u00fcr Business-Anf\u00e4nger, der bislang stets Nachschub an jungen, neuen Unternehmen generiert \u2013 Start-ups. Das enge geografische Zusammenleben von Spitzenforschung mit ein paar Riesenunternehmen, von Risikoinvestoren mit Tausenden Gr\u00fcnder-Techfirmen macht die besondere Schwungkraft des Valley aus.<\/p>\n<p>Doch im Moment versiegt das Kapital, die Start-ups verhungern. Das geh\u00f6rt durchaus zum Grundkonzept: Start-ups gehorchen einer Hochrisiko-Logik, auch in normalen Zeiten: Sie m\u00fcssen schnell wachsen, schnell an Kapital kommen, oder sie sind schnell wieder weg. Corona wirkt nun wie ein Katalysator auf die sozialdarwinistische \u00d6konomie der Digitalwirtschaft. Die Kleinen verenden zuerst oder werden zum Spottpreis von den Gro\u00dfen aufgekauft, samt Personal. Hunderte Start-ups haben laut Medienberichten in den vergangenen Wochen Angestellte entlassen oder beurlaubt. Bei bereits gewachsenen Firmen werden Pl\u00e4ne f\u00fcr B\u00f6rseng\u00e4nge auf Eis gelegt. Es wird von der Dauer des Stillstands abh\u00e4ngen, wie gut sich dieser Organismus wieder erholt.<\/p>\n<h3>6. Homeoffice verringert die Sogkraft urbaner Zentren<\/h3>\n<p>Was, wenn die Digitalgiganten konsequenter dazu \u00fcbergehen, einen gr\u00f6\u00dferen Teil ihrer Angestellten permanent von zu Hause arbeiten zu lassen, von einem Ort ihrer Wahl? Was, wenn man als Programmierer f\u00fcr Microsoft oder Apple nicht mehr ins grotesk \u00fcberteuerte Silicon Valley ziehen muss, sondern seinen Job auch aus irgendeinem Nest in Arkansas erledigen kann? M\u00f6glich war das schon lange, praktiziert wurde es kaum.<\/p>\n<p>Eine dauerhafte Entkopplung von Wohn- und Arbeitsort kann eine enorme Wirkung auf den Immobilienmarkt haben. Bereits jetzt h\u00f6rt man Stimmen, die auf eine Entspannung f\u00fcr die H\u00e4userpreise und Mieten in den wirtschaftlichen Zentren der USA hoffen.<\/p>\n<p>Wenn Unternehmen erkennen sollten, dass sie mit h\u00f6herer Dezentralisierung genauso gut oder besser funktionieren, wird es weniger pers\u00f6nliche Meetings, weniger Dienstreisen, weniger Konferenzen, weniger Fachmessen geben. Es w\u00e4re aus Sicht von vielen nicht die schlimmste Konsequenz einer solchen Krise. Leiden werden hingegen Fluggesellschaften, Hotels, Messeanbieter: Ganze Industriezweige h\u00e4ngen als Dienstleister an der alten Business-Kultur.<\/p>\n<h3>7. Wer Distanz schafft, gewinnt<\/h3>\n<p>Weil die Menschen m\u00f6glichst zu Hause bleiben sollen, haben all jene Firmen Auftrieb, die das Leben dort angenehmer oder effizienter machen. Dass Netflix und die anderen Streaminganbieter von Covid-19 profitieren, erstaunt nicht. Firmen wie die Videokonferenzanbieter Zoom und Slack, die im Silicon Valley lange ein Nischendasein fristeten, sind nun pl\u00f6tzlich f\u00fcr Millionen \u00fcberlebenswichtig. Kurierdienstleister wie Grubhub, Doordash und Postmates geh\u00f6ren zu den Corona-Gewinnern. Aber auch andere Konzepte, die die Menschen auf Distanz voneinander halten, haben Konjunktur.<\/p>\n<p>Bargeld, also M\u00fcnzen und Papierscheine, die durch Tausende H\u00e4nde gehen, haben in den USA schon l\u00e4nger nicht mehr die Bedeutung, die sie in Deutschland r\u00e4tselhafterweise noch immer haben, wo man beim Einsteigen ins Taxi immer noch fragt, ob der Fahrer Kreditkarten akzeptiert. Der Zwischenschritt zur Kreditkarte als \u00dcberall-Bezahl-Mittel ist hier l\u00e4ngst geschehen, doch die n\u00e4chste Stufe, das komplett kontaktlose Bezahlen im Laden per Auflegen des Mobiltelefons auf ein Dock, ist auch in den USA noch l\u00e4ngst nicht so weit verbreitet, wie es in China schon seit einer Weile der Fall ist. Jetzt allerdings r\u00fcsten die Shops, soweit sie ge\u00f6ffnet sind, \u00fcberall auf Apple Pay, PayPal, Venmo oder andere Digital-Payment-Formen um. Es ist nicht zu erwarten, dass diese praktische Form des Bezahlens wieder an Beliebtheit einb\u00fc\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Auch Telemedizin, Virtual Reality und Drohnen erhalten jetzt Auftrieb. Das sind Innovationsgebiete, f\u00fcr die sich bisher vor allem die Presse und die Ingenieure interessiert haben, nicht so sehr aber das Publikum und die Kundschaft. Doch jetzt bleibt jeder, der das tun kann, jedem Krankenhaus und jeder Arztpraxis fern, und der digitale Arztkontakt von Monitor zu Monitor k\u00f6nnte dauerhaft an Bedeutung gewinnen. Es wird mehr und ernsthaftere Versuche geben, ein fl\u00e4chendeckendes Flugpostsystem per Drohnenschwarm zu etablieren. Und die Anbieter virtueller Realit\u00e4ten, die mit ihren 3D-Brillen und Headsets seit Jahren auf keinen gr\u00fcnen Zweig kommen, d\u00fcrfen nun vielleicht auf eine endlich steigende Nachfrage hoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00e4re die Welt mit einer solchen Pandemie umgegangen, wenn es kein Internet g\u00e4be? 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