{"id":202960,"date":"2020-04-15T04:31:58","date_gmt":"2020-04-15T04:31:58","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/leopoldina-vorschlage-fur-schulen-realitatsfern\/"},"modified":"2020-04-15T04:31:58","modified_gmt":"2020-04-15T04:31:58","slug":"leopoldina-vorschlage-fur-schulen-realitatsfern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/leopoldina-vorschlage-fur-schulen-realitatsfern\/","title":{"rendered":"Leopoldina-Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Schulen: Realit\u00e4tsfern?"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Der Vorschlag von Leopoldina-Forschern zu einer schrittweisen \u00d6ffnung der Bildungseinrichtungen st\u00f6\u00dft bei Praktikern auf harsche Kritik. Er wecke &quot;falsche Hoffnungen&quot;. Etliche Lehrer sind zudem Risikopatienten.  <\/p>\n<p>Seit Mitte M\u00e4rz sind Deutschlands Schulen dicht. Dass sie - wie urspr\u00fcnglich anvisiert - am 20. April, wenn in den meisten Bundesl\u00e4ndern die Osterferien vorbei sind, wieder \u00f6ffnen, gilt als h\u00f6chst unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Am Mittwoch wollen Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpr\u00e4sidenten der L\u00e4nder beraten, ob, wie und wann der Lockdown gelockert werden k\u00f6nnte. Die Kultusminister wollen danach ihren Fahrplan f\u00fcr den Rest des Schuljahres bekannt geben.<\/p>\n<p>Als wichtige Grundlage gilt dabei die Stellungnahme der Akademie der Wissenschaften Leopoldina. F\u00fcr die Schulen schlagen die Forscher vor, diese &quot;sobald wie irgend m\u00f6glich&quot; wieder zu \u00f6ffnen, und zwar schrittweise. Das hei\u00dft: Die Schulen kehren nicht direkt zu einem Vollbetrieb zur\u00fcck, sondern bestimmte Jahrg\u00e4nge starten zuerst, andere ziehen sp\u00e4ter nach.<\/p>\n<h3>Die Kritik von Lehrkr\u00e4ften und Sch\u00fclern im Einzelnen<\/h3>\n<p>So ein Stufenmodell wird zwar auch von der Mehrheit der Kultusminister und mehreren Lehrerverb\u00e4nden favorisiert, aber im Detail st\u00f6\u00dft das Konzept der Leopoldina bei Experten und Betroffenen trotzdem auf massive Kritik. Es wecke &quot;falsche Hoffnungen&quot;: Die Bedingungen, die an die schrittweise Aufnahme des Betriebs gekn\u00fcpft werden, k\u00f6nnten kaum erf\u00fcllt werden, kritisiert etwa der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Man m\u00fcsse schon die Realit\u00e4t im Blick behalten.<\/p>\n<p>Im Folgenden finden Sie einen \u00dcberblick mit den wichtigsten Eckpunkten der Empfehlung.<\/p>\n<p><strong>Die Gruppengr\u00f6\u00dfe: <\/strong>H\u00f6chstens 15 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollen in einem Klassenraum sitzen, schlagen die Leopoldina-Forscher vor. Sie sollen zudem nur in diesen Lerngruppen in die Pausen gehen, getrennt von den anderen.<\/p>\n<p><strong>Die Kritik: <\/strong>&quot;Solche Ideen entsprechen einfach nicht der Realit\u00e4t&quot;, kommentiert Ilka Hoffmann, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), diesen Vorschlag. In den meisten Grundschulen seien die R\u00e4ume &quot;nicht riesig&quot;. Tats\u00e4chlich gilt im Schulbau der meisten Bundesl\u00e4nder eine Richtgr\u00f6\u00dfe von zwei Quadratmetern, die jedem Kind im Klassenzimmer zur Verf\u00fcgung stehen muss. Ilka Hoffmann: &quot;15 Kinder k\u00f6nnen da keinen Abstand von zwei Metern halten, die sitzen enger.&quot;<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Mit Ausnahme der F\u00f6rderschulen sind in allen anderen Schulformen die Klassen zum Teil deutlich gr\u00f6\u00dfer als die von den Forschern jetzt angeregte Maximalgr\u00f6\u00dfe von 15 Kindern. Die Klassen m\u00fcssten also geteilt werden - was zun\u00e4chst auch f\u00fcr die Lehrkr\u00e4fte durch die Konzentration auf die Hauptf\u00e4cher Deutsch und Mathematik (sowie Fremdsprachen an den weiterf\u00fchrenden Schulen) machbar erscheint.<\/p>\n<p>Doch erfahrene Lehrer haben Zweifel. So schreibt der Dortmunder Realschullehrer und Vater Christof Birkendorf in einem Brief an die Bildungspolitiker in Bund und L\u00e4ndern, neben der Gruppengr\u00f6\u00dfe in den Klassenzimmern gebe es &quot;das viel heftigere Problem der Abstandseinhaltung in Fluren, Pausenh\u00f6fen und Schulwegen. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind jung und unbedarft. Ohne Aufsicht halten sie keine Abstandsregeln ein.&quot; In dem eindringlichen Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, hei\u00dft es weiter: &quot;Sie schubsen, umarmen und dr\u00e4ngeln, ob MIT oder OHNE Aufsicht von Lehrer*innen! Sie vergessen dann jegliche Vorgaben, da sie eben noch KINDER sind und somit sehr unbefangen.&quot;<\/p>\n<p>Ein Argument, das insbesondere auch f\u00fcr Sch\u00fcler gilt, die einen Schulbus benutzen. Wie gro\u00df deren Gesamtzahl in Deutschland ist, wird statistisch nicht explizit erfasst. Das Bundesverkehrsministerium geht von \u00fcber 30 Prozent Sch\u00fclern und Studierenden aus, die f\u00fcr ihren t\u00e4glichen Weg den Bus benutzen. Auch bei Grundsch\u00fclern im l\u00e4ndlichen Bereich liegt der Anteil bei gesch\u00e4tzt einem Drittel. Um alle Kinder zu den Schulen zu transportieren und gleichzeitig die Abstandsregeln in den Fahrzeugen einzuhalten, m\u00fcssten die Fahrtkapazit\u00e4ten also erheblich ausgeweitet werden.<\/p>\n<p><strong>Die Personalfrage:<\/strong> F\u00fcr die verkleinerten Lerngruppen empfehlen die Leopoldina-Forscher zeitversetzten Unterricht - was einen entsprechenden Einsatz der Lehrkr\u00e4fte auch am Nachmittag erforderlich machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Kritik:<\/strong> Das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer vorausgesetzt, w\u00e4re das m\u00f6glicherweise ein gangbarer Weg. Aber f\u00fcr den Unterricht im Schichtsystem stehen gar nicht alle Lehrkr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung. Rund ein Drittel der P\u00e4dagogen geh\u00f6re zur Risikogruppe, sch\u00e4tzt Gewerkschafterin Ilka Hoffmann - wegen des Alters oder wegen Vorerkrankungen. In einigen Kollegien gebe es zwar viele junge Lehrkr\u00e4fte, in anderen aber vor allem \u00e4ltere. &quot;Da ist fraglich, ob \u00fcberhaupt gen\u00fcgend Personal vor Ort sein darf.&quot;<\/p>\n<p>Das gilt umso mehr, weil in Deutschland auch ohne Krise ein extremer Lehrermangel herrscht, insbesondere an Grundschulen. Hoffmann sagt, sie sei &quot;sehr erstaunt, dass ausgerechnet die Schulen, ein guter Umschlagplatz f\u00fcr Viren&quot;, zu den ersten Institutionen geh\u00f6ren sollten, die den Betrieb wieder aufnehmen. Auch viele SPIEGEL-Leser weisen darauf hin, dass \u00e4lteren P\u00e4dagogen und solche mit Vorerkrankungen nicht zum Unterricht herangezogen werden k\u00f6nnten. Die Mangelsituation werde dadurch noch einmal versch\u00e4rft.<\/p>\n<p><strong>Die Frage, wer Vorrang hat - und wer erst einmal zu Hause bleibt: <\/strong>Der Unterricht soll zuerst mit j\u00fcngeren Sch\u00fclern wieder aufgenommen werden, dann allerdings vorrangig mit den Klassenstufen, die vor einem Schulwechsel stehen, schlagen die Leopoldina-Forscher vor. An Grundschulen w\u00e4ren das in den meisten Bundesl\u00e4ndern die Viertkl\u00e4ssler, in Berlin meist Sechstkl\u00e4ssler. Sie m\u00fcssten schlie\u00dflich den \u00dcbergang auf die weiterf\u00fchrenden Schulen meistern, argumentieren die Experten. Dagegen sollte in den Kitas, so das Leopoldina-Papier, bis zum Sommer erst einmal der Notbetrieb aufrechterhalten werden, mit h\u00f6chstens f\u00fcnf Kindern pro Gruppe.<\/p>\n<p><strong>Die Kritik:<\/strong> &quot;P\u00e4dagogisch nicht sinnvoll&quot; lautet das Urteil aus den Reihen einiger Lehrerverb\u00e4nde. Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbandes, sieht ein Dilemma: &quot;Wenn die Viertkl\u00e4ssler nun nicht nach den Erwartungen der weiterf\u00fchrenden Schulen vorbereitet w\u00fcrden, erfordert dies R\u00fccksichtnahme in den aufnehmenden Schulen, die m\u00fcsste eingeplant werden.&quot; Viertkl\u00e4ssler seien andererseits tendenziell eher in der Lage, im Homeschooling selbstst\u00e4ndig Aufgaben zu bearbeiten. &quot;J\u00fcngere Kinder, gerade Erstkl\u00e4ssler, sind allein zu Hause viel schneller \u00fcberfordert. Sie brauchen mehr Betreuung, mehr Hilfe, mehr Anleitung, mehr Ansprache&quot;, so Lassek.<\/p>\n<p>Dass die Kita-Kinder dagegen erst einmal zu Hause bleiben sollen, sorgt bei vielen betroffenen Eltern f\u00fcr Unmut. Sie mutma\u00dfen, dass daf\u00fcr vielleicht auch die Tatsache verantwortlich sei, dass sich im 26-k\u00f6pfigen Wissenschaftlergremium der Wissenschaftsakademie nur zwei Frauen befanden.<\/p>\n<p>Insgesamt werden mehr als 3,6 Millionen Kinder in Deutschland in Kita-Gruppen betreut. Legt man die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in Deutschland zugrunde, die vom Statistischen Bundesamt mit 1,57 angegeben wird, w\u00e4ren von der andauernden Schlie\u00dfung der Kitas im Extremfall bis zu 2,3 Millionen Familien und Alleinerziehende betroffen.<\/p>\n<p><strong>Das Bildungsverst\u00e4ndnis: &quot;<\/strong>Pr\u00fcfungen m\u00fcssen auf allen Bildungsetappen erm\u00f6glicht werden&quot;, hei\u00dft es im Bericht der Leopoldina; gleichzeitig m\u00fcssten &quot;die Risiken f\u00fcr erneute Ansteckungen minimiert werden&quot;. Die zuvor viel diskutierte M\u00f6glichkeit, Abschlusspr\u00fcfungen etwa f\u00fcr den Mittleren Schulabschluss oder das Abitur in diesem Jahr ausfallen zu lassen, erw\u00e4hnen die Experten jedoch nicht.<\/p>\n<p><strong>Die Kritik: <\/strong>&quot;Die Vorschl\u00e4ge, erst einmal die Abschlussklassen der Grundschulen sowie die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Sekundarstufe I in die Einrichtungen zu schicken, zeigen, dass Schule immer noch in erster Linie von den Zensuren und Pr\u00fcfungen her gedacht wird&quot;, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe, &quot;und dass nicht von einem umfassenden Bildungsbegriff ausgegangen wird.&quot;<\/p>\n<p>Auch Nico Steidel teilt diese Kritik. Der 19-J\u00e4hrige besucht derzeit die 13. Klasse der Carl-Benz-Schule in Mannheim und bereitet sich, so gut es geht, auf sein Abitur vor. Es gehe &quot;um die Chance auf Fairness f\u00fcr alle&quot;, und die sei f\u00fcr die aktuellen Abiturienten einfach nicht gegeben. Steidel verweist auf eine Petition mit mittlerweile \u00fcber 140.000 Unterschriften, in der eine Bewertung nach den vorher in der Oberstufe erbrachten Leistungen gefordert wird. Zu dieser Petition habe sich seines Wissens nach &quot;kein einziger daf\u00fcr zust\u00e4ndiger Politiker zu Wort gemeldet und unsere Bedenken, Kritiken und Argumente auch nur erw\u00e4hnt&quot;, so Steidel.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit dem SPIEGEL k\u00fcndigte er an, &quot;dass meine Klasse und ich uns aufgrund der bestehenden Argumente und der Ungerechtigkeit uns gegen\u00fcber nicht dazu verpflichtet f\u00fchlen, bei Schulbeginn und den anstehenden Pr\u00fcfungen in die Schule zu gehen.&quot; Das gesundheitliche Risiko sei ihm und seinen Mitsch\u00fclern zu hoch. Mit Schw\u00e4nzen habe das nichts zu tun: &quot;Uns geht es um die Sicherheit aller.&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorschlag von Leopoldina-Forschern zu einer schrittweisen \u00d6ffnung der Bildungseinrichtungen st\u00f6\u00dft bei Praktikern auf harsche Kritik. Er wecke &quot;falsche Hoffnungen&quot;. Etliche Lehrer sind zudem Risikopatienten. 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