{"id":202384,"date":"2020-04-11T14:41:57","date_gmt":"2020-04-11T14:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-und-ihre-folgen-die-neue-digitale-elite\/"},"modified":"2020-04-11T14:41:57","modified_gmt":"2020-04-11T14:41:57","slug":"corona-krise-und-ihre-folgen-die-neue-digitale-elite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-und-ihre-folgen-die-neue-digitale-elite\/","title":{"rendered":"Corona-Krise und ihre Folgen: Die neue digitale Elite"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Arbeit, Bildung, Wirtschaft, Sozialleben: Die Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung wichtiger Gesellschaftsbereiche. Die Strukturen, die gerade wachsen, werfen auch neue Gerechtigkeitsfragen auf.  <\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Aprilmorgen im Jahr 2020. W\u00e4hrend sich ein Virus, f\u00fcr das es noch keinen Impfstoff gibt, weiter auf der Welt ausbreitet, startet eine ganz normale mittelst\u00e4ndische Familie in den Tag.<\/p>\n<p>Gegen 9 Uhr, nach ihrem Zumba-Kurs auf Zoom, setzt sich Mutter Kim, 36, an den PC und arbeitet bis zur Skype-Konferenz um 11 Uhr erste Auftr\u00e4ge ab. Tochter Mia, 11, beugt sich am K\u00fcchentisch \u00fcbers Tablet und l\u00f6st Rechenaufgaben in der E-Learning-App Flipgrid. Vater Jeff, 41, ein zurzeit arbeitsloser Fabrikarbeiter, durchsucht eine Online-Jobb\u00f6rse, die Fachkr\u00e4fte tempor\u00e4r zwischen Firmen vermittelt.<\/p>\n<p>Mittags bestellt die Familie Pasta in einer nahegelegenen Geisterk\u00fcche. Nachmittags entleiht Mia B\u00fccher aus einer Online-Bibliothek, momentan ist das gratis. Kim bestellt Lebensmittel f\u00fcr ihre betagten Eltern im Online-Supermarkt. Jeff unterschreibt einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe per E-Unterschrift. Abends trifft er sich mit Freunden in einer Online-Bar.<\/p>\n<p>Die fiktive Mittelstandsfamilie k\u00f6nnte aus Asien, Nordamerika oder Europa stammen. Seit die Corona-Pandemie das \u00f6ffentliche Leben l\u00e4hmt, beschleunigt sich in vielen L\u00e4ndern die Digitalisierung wichtiger Gesellschaftsbereiche. Arbeit, Schule und viele weitere Aktivit\u00e4ten, bei denen physische Anwesenheit bislang weitgehend Pflicht zu sein schien, verlagern sich abrupt in den virtuellen Raum - mit dem Ziel, das bisherige Leben trotz sozialer Distanzierung m\u00f6glichst gut weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Vieles, mit dem gerade experimentiert wird, d\u00fcrfte der Gesellschaft nach der Krise erhalten bleiben, in Form neuer emotionaler Verkn\u00fcpfungen, Verhaltensmuster, kultureller Normen und techno\u00f6konomischer Strukturen. Zusammen mit diesen entstehen auch neue Probleme, Abh\u00e4ngigkeiten und soziale Ungleichgewichte.<\/p>\n<p>Es scheint ratsam, den Problemen fr\u00fch zu begegnen, um einer noch st\u00e4rkeren Elitenbildung entgegenzuwirken. Ebenso ratsam scheint es, die positiven Aspekte des Wandels nach der Krise zu erhalten und auszubauen - denn sie k\u00f6nnen unsere Gesellschaft ein St\u00fcck voranbringen.<\/p>\n<p>Ein Blick auf vier Megatrends, die sich gerade abzeichnen.<\/p>\n<h3><strong>1. Wirtschaft: Mehr Knopfdruck-Kapitalismus<\/strong><\/h3>\n<p>Er w\u00fcrde nie sagen, sein Unternehmen profitiere von einer globalen Gesundheitskrise, sagte Jim Collins, Chef von Kitchen United, Anfang M\u00e4rz im Interview mit &quot;Yahoo Finance&quot;. Es z\u00e4hlt aber definitiv zu den Gewinnern der Pandemie. Kitchen United betreibt in mehreren US-Gro\u00dfst\u00e4dten sogenannte Geisterk\u00fcchen: Kochpl\u00e4tze, von denen aus K\u00fcchenchefs Anwohner mit Essen beliefern. Dazu liefert Kitchen United die Software, um Gerichte auf g\u00e4ngigen Lieferplattformen zu platzieren.<\/p>\n<p>Die K\u00f6che, die sich bei Kitchen United einmieten, haben oft kein eigenes Restaurant. Sie setzen komplett auf Takeaway - was jetzt von Vorteil ist. Klassische Restaurantbesitzer versuchen, mit Au\u00dfer-Haus-Lieferungen irgendwie noch ihre Ladenmiete zusammenzubekommen. Geisterk\u00f6che haben keine Ausf\u00e4lle durch leere Tische und freuen sich gerade \u00fcber steigende Nachfrage.<\/p>\n<p>Das Marktmodell hinter Firmen wie Kitchen United nennt sich On-Demand-Economy: Produkte und Dienstleistungen werden nach einem Tipp auf eine Smartphone-App in kurzer Zeit zum Kunden gebracht. In Zeiten von Lockdowns geh\u00f6ren solche Knopfdruck-Dienste zu den gro\u00dfen Gewinnern - besonders wenn sie menschliche Grundbed\u00fcrfnisse stillen.<\/p>\n<p>Lebensmittellieferanten oder Online-Apotheken verzeichnen gerade gigantische Wachstumsraten. Der oft gescholtene Amazon-Konzern wird als Versorger der Eingeschlossenen gefeiert. Dazu entstehen Plattformen, die anzeigen, in welchen Superm\u00e4rkten gerade Klopapier, Nudeln und andere begehrte Waren verf\u00fcgbar sind. Und Online-Marktpl\u00e4tze, die es auch kleinen L\u00e4den leicht machen, ihre Waren verst\u00e4rkt im Netz zu verkaufen.<\/p>\n<p>Auf Kaliforniens Stra\u00dfen werden - auch dank der Kontaktverbote - gerade die ersten autonomen Lieferfahrzeuge getestet. Menschliche Fahrer sind ein gro\u00dfer Kostenfaktor f\u00fcr viele On-Demand- und E-Commerce-Dienste. Fiele er weg, w\u00fcrde ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit noch einmal massiv steigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wirtschaft von morgen h\u00e4tte das nicht nur Vorteile. On-Demand-Firmen besch\u00e4ftigen teils prek\u00e4re Solo-Selbstst\u00e4ndige - ohne Tariflohn, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Auch das Ladensterben im station\u00e4ren Einzelhandel d\u00fcrfte sich nach einer Analyse des K\u00f6lner Instituts f\u00fcr Handelsforschung beschleunigen, weil sich die Kaufgewohnheiten der Kunden schneller in Richtung E-Commerce verschieben.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung der Wirtschaft steigert also nicht nur die Produktivit\u00e4t. Sie schafft auch Probleme, auf die Raumplaner und Sozialbeh\u00f6rden erst noch passgenaue Antworten finden m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>2. Bildung: Mehr interaktiver Lernstoff<\/h3>\n<p>Ein normaler Unterrichtstag f\u00fcr eine sechste Klasse an der ICS International School in Mailand sieht derzeit so aus: P\u00fcnktlich um 8.30 Uhr loggen sich Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u00fcber die Chat-Plattform Teams und das soziale Lernnetzwerk Edmodo  zum Unterricht ein. Es gibt Frontalunterricht per Videochat, Gruppenarbeiten in kleineren Chat-R\u00e4umen und Einzel-Chats zwischen Sch\u00fcler und Lehrer.<\/p>\n<p>Die Tagesstruktur aus der Offline-Welt ist weitgehend erhalten geblieben, inklusive Pausen. Auch den Unterrichtsablauf versucht die ICS so gut es geht an die Offline-Welt anzugleichen. Unterrichtsstunden werden nicht aufgezeichnet, da Pr\u00e4senzpflicht herrscht. Hausaufgaben, zum Beispiel L\u00f6sungswege von Matheformeln, werden teils per Video eingereicht, handschriftliche Aufgaben per Foto.<\/p>\n<p>Die ICS gilt inzwischen als Vorbild f\u00fcr effektives Online-Lernen. Schulen in Frankreich und Spanien haben das Modell  aus Mailand \u00fcbernommen. In Zeiten der Lockdowns sind funktionierende Strategien zum Lernen aus der Ferne begehrt.<\/p>\n<p>Nach Sch\u00e4tzungen der OECD waren Mitte M\u00e4rz rund 421 Millionen Kinder und Jugendliche von Schulschlie\u00dfungen betroffen. In mehr als 60 L\u00e4ndern fiel der Unterricht landesweit oder regional aus. Die meisten Schulen versuchen, Kindern wenigstens einen Teil des Stoffs per Online-Unterricht zu vermitteln.<\/p>\n<p>Es gibt Dutzende Ed-Tech-Angebote, mit denen vermehrt experimentiert wird: Online-Klassenr\u00e4ume von Firmen wie Google oder WizIQ; Lern-Animationen von Firmen wie BrainPop; Kollaborations-Apps zum Teilen von Hausaufgaben wie Seesaw; Multimedia-Software wie Panopto, mit der man interaktive Quiz-Formate in Videovortr\u00e4ge integrieren kann.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Programme schwankt, ebenso die Kompetenz der Lehrer und Sch\u00fcler, mit der neuen Technik umzugehen. Dennoch verdeutlicht die Coronakrise M\u00f6glichkeiten und Chancen des E-Learnings. Klassische didaktische Konzepte k\u00f6nnen durch moderne Technik bereichert werden. Multimediaexperten und Profis aus der Unterhaltungsindustrie k\u00f6nnen helfen, Lernstoff zeitgem\u00e4\u00df aufzubereiten.<\/p>\n<p>Komplett ersetzen wird E-Learning den Gang zur Schule nicht - allein schon, weil Schulen berufst\u00e4tige Eltern auch bei der Betreuung ihrer Kinder entlasten. Eine intelligente Kombination aus Pr\u00e4senz- und Fernunterricht aber ist auch nach Ende der Lockdowns denkbar.<\/p>\n<p>Darin steckt allerdings auch die Gefahr, dass Kinder im Unterricht benachteiligt werden. Zum Beispiel, weil sie technisch wenig begabte Eltern haben. Oder weil sie aus Haushalten stammen, die sich weder Rechner noch Breitbandverbindung leisten k\u00f6nnen. Solche Sch\u00fcler brauchen fr\u00fchzeitig Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<h3>3. Arbeitsalltag: Mehr Flexibilit\u00e4t<\/h3>\n<p>Der wohl offensichtlichste Strukturwandel der Coronakrise ist, dass pl\u00f6tzlich Millionen Menschen aus dem Homeoffice arbeiten. Der Geschwindigkeit dieser Umstellung nach zu urteilen, scheint das Homeoffice wie eine tief h\u00e4ngende, \u00fcberreife Frucht zu sein: Sie l\u00e4sst sich leicht ernten, man muss es nur tun.<\/p>\n<p>Die technischen Bedenken wider Homeoffice-Arbeitspl\u00e4tze entpuppen sich gerade in vielen F\u00e4llen als Vorw\u00e4nde. Das Problem scheint weniger die Einrichtung einer VPN-Verbindung gewesen zu sein - sondern eher der vermeintliche Kontrollverlust des Arbeitgebers \u00fcber seine Mitarbeiter. Jetzt, da Homeoffice-Arbeit oft alternativlos ist, hat pl\u00f6tzlich Mitarbeiter-Tracking Konjunktur.<\/p>\n<p>Unternehmen wie Interguard, Activetrack, Vericlock oder Time Doctor haben ihre Abs\u00e4tze laut &quot;S\u00fcddeutscher Zeitung&quot; in den vergangenen Wochen teils verdreifacht. Ihre Software erlaubt es Chefs unter anderem, Tastatureingaben von Angestellten zu protokollieren. Oder die von ihnen besuchten Webseiten. Oder in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden einen Screenshot der Bildschirmoberfl\u00e4che zu machen.<\/p>\n<p>Neben solch bedenklichen Eingriffen in die Privatsph\u00e4re werden steuerrechtliche Reformen zum Absetzen eines h\u00e4uslichen Arbeitszimmers diskutiert. Und Verhaltenstipps, wie man zu Hause produktiv bleibt. Und Ratschl\u00e4ge f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte, wie man \u00f6rtlich verstreute Teams koordiniert. Viele scheinen davon auszugehen, dass das Homeoffice nach Ende der Lockdowns in ihrer Firma als zus\u00e4tzliche Arbeitsumgebung etabliert sein wird.<\/p>\n<p>Menschen, die ihre Arbeit nicht von zu Hause aus erledigen k\u00f6nnen, haben gleich doppelt das Nachsehen. Sie verdienen momentan teils gar kein Geld und bleiben auch nach der Krise weniger flexibel.Arbeitsrechtlicher und sozialstaatlicher Ausgleich scheint n\u00f6tig, um einer verst\u00e4rkten digitalen Spaltung der Arbeitswelt vorzubeugen.<\/p>\n<h3>4. Sozialleben: Mehr virtuelle Geselligkeit<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arbeit, Bildung, Wirtschaft, Sozialleben: Die Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung wichtiger Gesellschaftsbereiche. Die Strukturen, die gerade wachsen, werfen auch neue Gerechtigkeitsfragen auf. Es ist ein sonniger Aprilmorgen im Jahr 2020. 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