{"id":202360,"date":"2020-04-11T11:22:11","date_gmt":"2020-04-11T11:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-in-den-vororten-von-paris-der-stille-tod\/"},"modified":"2020-04-11T11:22:11","modified_gmt":"2020-04-11T11:22:11","slug":"coronavirus-in-den-vororten-von-paris-der-stille-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-in-den-vororten-von-paris-der-stille-tod\/","title":{"rendered":"Coronavirus in den Vororten von Paris: Der stille Tod"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Im D\u00e9partement Seine-Saint-Denis im Gro\u00dfraum Paris stieg die Mortalit\u00e4tsrate in einer Woche um \u00fcber 50 Prozent. Viele machten umgehend die Anwohner selbst f\u00fcr die vielen Toten verantwortlich - zu Unrecht.  <\/p>\n<p>Es war der nationale Gesundheitsdirektor J\u00e9r\u00f4me Salomon, der die Zahl als Erster nannte. In seinem allabendlichen Livereport zur Coronakrise sprach er vergangene Woche von einer &quot;erstaunlichen Mortalit\u00e4tsrate&quot; im D\u00e9partement Seine-Saint-Denis. In der letzten M\u00e4rzwoche seien dort 63 Prozent mehr Menschen gestorben als in der Woche zuvor; das sind fast drei\u00dfig Prozent mehr als im nationalen Durchschnitt des Landes. Dabei leben im D\u00e9partement au\u00dfergew\u00f6hnlich viel junge Franzosen: fast ein Drittel ist unter 20 Jahre alt. <\/p>\n<p>Das D\u00e9partement 93 z\u00e4hlt nicht erst seit Ausbruch des Coronavirus zur Problemzone Frankreichs. Wer besichtigen m\u00f6chte, was die Republik an sozialen Ungerechtigkeiten zu bieten hat, der sollte hierherfahren. Dorthin, wo sich noch immer Betonburgen aneinanderreihen, wo siebenk\u00f6pfige Familien auf 50 Quadratmetern zusammenleben und noch weniger Intensivbetten in den Krankenh\u00e4usern stehen als im Rest des Landes.<\/p>\n<p>1,6 Millionen Menschen wohnen im D\u00e9partement Seine-Saint-Denis im Norden und Nordosten der franz\u00f6sischen Hauptstadt. Pariser nennen es nur kurz &quot;93&quot;, nach der Postleitzahl der Region. Bewerbungsschreiben mit dieser Zahl im Absender haben es schwer, denn wer hier wohnt, z\u00e4hlt zu den Abgeh\u00e4ngten, den Minderbegabten, dem Prekariat. Und lebt nun auch noch mitten im Corona-Krisengebiet vor den Toren der Hauptstadt.<\/p>\n<h3>Warum breitet sich das Virus dort so massiv aus?<\/h3>\n<p>Vertreter mehrerer Vereine des D\u00e9partements ver\u00f6ffentlichten diese Woche einen w\u00fctenden Gastbeitrag in der Tageszeitung &quot;Lib\u00e9ration&quot;: Erneut w\u00fcrde man nun mit dem Finger auf die Bewohner im &quot;93&quot; zeigen und sie verd\u00e4chtigen, die Regeln der Ausgangssperre nicht zu akzeptieren. Dabei w\u00fcrde die jetzige Krise nur die sozialen und geografischen Ungerechtigkeiten der franz\u00f6sischen Gesellschaft offenlegen: &quot;Entgegen aller Vorurteile halten sich die Leute hier an die Regeln.&quot;<\/p>\n<p>40 Gemeinden geh\u00f6ren zum D\u00e9partement, eine davon ist Bondy: knapp 54.000 Einwohner, viele davon Einwanderer. Der Fu\u00dfballer Kylian Mbapp\u00e9 wurde hier geboren. <\/p>\n<p>&quot;Nat\u00fcrlich war es nicht einfach, hier in den ersten Tagen die Notwendigkeit der Ausgangssperre zu erkl\u00e4ren&quot;, sagt Anouk Giana am Telefon, in der Stadtverwaltung von Bondy zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung. &quot;Sagen Sie mal Jugendlichen, die es gewohnt sind, ihre Freizeit drau\u00dfen mit Freunden zu verbringen, sie m\u00fcssten in den kommenden Wochen mit ihren Eltern und kleinen Geschwistern in ihren engen Wohnungen bleiben.&quot; Viele der Jungen h\u00e4tten zudem das Virus am Anfang als &quot;Fake News&quot; abgetan. Jetzt aber hielten sich alle an die Regeln. <\/p>\n<p>Warum aber sterben dann trotzdem so viele im D\u00e9partement?<\/p>\n<h3>Helden der zweiten Reihe<\/h3>\n<p>Das liege zum einen an der extrem beengten Wohnsituation. Wo viele Menschen auf wenig Quadratmetern leben, werde die Verbreitung des Virus bef\u00f6rdert, sagt Giana. &quot;Zum anderen ist f\u00fcr die meisten unserer Bewohner Arbeit im Homeoffice keine Option. Sie sind Kassiererinnen im Supermarkt, Krankenschwestern, Putzfrauen, Lieferfahrer oder Pflegekr\u00e4fte; Leute, die sich die teuren Mieten in Paris nicht leisten k\u00f6nnen. Und in all diesen Berufen werden sie verst\u00e4rkt dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt.&quot;<\/p>\n<p>Helden der zweiten und dritten Reihe hatte Pr\u00e4sident Emmanuel Macron in einer seiner Fernsehansprachen an die Nation all jene genannt, die sich hier morgens in die \u00fcberf\u00fcllte Linie RER B nach Paris quetschen und das Land am Laufen halten. Aber f\u00fcr die Helden gibt es im D\u00e9partement 93 seit Jahren schon weniger Krankenhausbetten als in Paris, weniger \u00c4rzte, eine schlechter ausgestattete Intensivmedizin.<\/p>\n<p>Eine dieser Heldinnen war die 52-j\u00e4hrige Kassiererin Aicha Issadounene, sie arbeitete in einem Carrefour-Supermarkt in Saint-Denis. Am 26. M\u00e4rz erlag sie der Atemwegskrankheit Covid-19, seither wird sie im &quot;93&quot; wie eine M\u00e4rtyrerin gefeiert. Der Kampf gegen Corona ist in diesen Tagen in Frankreich auch ein Klassenkampf. Die kommunistische Gewerkschaft CGT rief inmitten der Krise zum Streik auf, um bessere Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr Arbeiter und Angestellte durchzusetzen. <\/p>\n<h3>Eine Nachricht, die das Herz w\u00e4rmt: Hilfe von Mbapp\u00e9<\/h3>\n<p>Die sozialistische B\u00fcrgermeisterin von Bondy, Sylvine Thomassin, dokumentiert den Ausnahmezustand in ihrer Stadt t\u00e4glich auf ihrer Facebook-Seite. Noch nie habe sie in so kurzer Zeit so viele Todesscheine ausstellen m\u00fcssen, schreibt sie. 46 waren es im M\u00e4rz, 18 allein in der ersten Aprilwoche. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Vor wenigen Tagen wurde ein neues Covid-19-Gesundheitszentrum im Palais de Sports von Bondy er\u00f6ffnet, die Krankenh\u00e4user konnten den Andrang allein nicht mehr bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Und, &quot;eine Nachricht, die das Herz w\u00e4rmt&quot;, so die B\u00fcrgermeisterin: Kylian Mbapp\u00e9 habe Bondy nicht vergessen und Ende M\u00e4rz 1000 B\u00fccher f\u00fcr Alte und Kinder des Ortes gespendet, au\u00dferdem wolle der Fu\u00dfballer und vielfache Million\u00e4r eine Aufstockung der Intensivbetten finanzieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im D\u00e9partement Seine-Saint-Denis im Gro\u00dfraum Paris stieg die Mortalit\u00e4tsrate in einer Woche um \u00fcber 50 Prozent. 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