{"id":202248,"date":"2020-04-10T19:52:08","date_gmt":"2020-04-10T19:52:08","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-gefahrliche-stimmungsumschwung-in-der-deutschen-bevolkerung\/"},"modified":"2020-04-10T19:52:08","modified_gmt":"2020-04-10T19:52:08","slug":"corona-krise-gefahrliche-stimmungsumschwung-in-der-deutschen-bevolkerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/corona-krise-gefahrliche-stimmungsumschwung-in-der-deutschen-bevolkerung\/","title":{"rendered":"Corona-Krise: Gef\u00e4hrliche Stimmungsumschwung in der deutschen Bev\u00f6lkerung"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Bisher erdulden die Deutschen die Ma\u00dfnahmen zur Corona-Eind\u00e4mmung diszipliniert. Ein w\u00f6chentliches Psychogramm stellt nun eine alarmierende Ver\u00e4nderung fest.  <\/p>\n<p>Psychologen haben einen Namen f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen, das sich f\u00fcr Deutschlands Krisenmanagement in Corona-Zeiten bald als gro\u00dfe Herausforderung erweisen k\u00f6nnte: &quot;Desaster Fatigue&quot;. Bezeichnet wird damit die Ermattung angesichts allzu vieler schlechter Nachrichten; das Gef\u00fchl von Verdruss, das uns gegen ein \u00dcberma\u00df von Katastrophenmeldungen rebellieren l\u00e4sst.  <\/p>\n<p>Cornelia Betsch ist Psychologin an der Universit\u00e4t Erfurt und hat die brisante Diagnose gestellt. Woche f\u00fcr Woche wertet Betsch die Antworten von 1000 Befragten aus, anhand derer sie die Stimmungslage der Deutschen w\u00e4hrend der Coronakrise zu ermitteln versucht. In den ersten f\u00fcnf Wochen der Krise &quot;lief alles gut&quot;, konstatiert die Psychologin. Nun hat sie erstmals Alarmzeichen ausgemacht. <\/p>\n<p>Die Auswertung der aktuellen Befragung ist beunruhigend: Langsam schwindet die Angst der Menschen vor dem grassierenden Coronavirus. Die Zuversicht, dass das Gesundheitswesen die Zahl der Covid-19-Kranken bew\u00e4ltigen wird, ist gewachsen. Das spiegelt sich auch in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Civey. Demnach sind 62 Prozent der Deutschen &quot;eindeutig&quot; oder &quot;eher optimistisch&quot;, dass das Land gut durch die Krise kommt.<\/p>\n<p>Wenn die Angst vor dem Virus schwindet, r\u00fccken die wirtschaftlichen Sorgen der Menschen in den Vordergrund. Die Akzeptanz f\u00fcr die staatlich verordnete Kontaktsperre, f\u00fcr die Schul- und Gesch\u00e4ftsschlie\u00dfungen br\u00f6ckelt. Vor allem unter den J\u00fcngeren w\u00e4chst der Unmut. Sie leiden besonders unter Langeweile, Einsamkeit und Zukunftsangst.  <\/p>\n<h3>Zun\u00e4chst schien alles in Ordnung<\/h3>\n<p>&quot;Wir setzen in Deutschland, anders als in vielen anderen L\u00e4ndern, \u00fcberwiegend auf Freiwilligkeit&quot;, sagt Betsch. &quot;Da ist es besonders wichtig, solche Signale fr\u00fchzeitig wahrzunehmen und darauf zu reagieren.&quot;<\/p>\n<p>Anfang M\u00e4rz, als klar war, dass sich die Corona-Pandemie nicht w\u00fcrde aufhalten lassen, beschloss Betsch, ein Psychogramm der Bev\u00f6lkerung zu erstellen: Sie wollte m\u00f6glichst genau die \u00c4ngste und Sorgen erfassen, mit denen die Deutschen auf das Virus und die staatlichen Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung reagieren w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Inzwischen ist COSMO, wie die in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut entwickelte Studie der Erfurter Psychologen hei\u00dft, zu einem wichtigen Instrument der Seuchenpolitik geworden. Stolz verweist Betsch darauf, dass sich rund 40 andere L\u00e4nder weltweit die Erfurter Methode zum Vorbild genommen haben, um m\u00f6glichst schnell Stimmungen im Land erfassen zu k\u00f6nnen.  <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst hatte COSMO vor allem Beruhigendes zu vermelden: Das Risikobewusstsein der Deutschen nahm rasch zu, sie zeigten sich gut informiert, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die staatlichen Ma\u00dfnahmen war gro\u00df. Auch erwiesen sich viele Bef\u00fcrchtungen als unberechtigt oder \u00fcbertrieben: &quot;Wir stellten zum Beispiel fest, dass es die viel beklagten Corona-Partys kaum gibt. Auch Diskriminierung und Ausgrenzung sind selten&quot;, sagt Betsch.  <\/p>\n<h3>Rebellion oder Gew\u00f6hnungseffekt?<\/h3>\n<p>Bei der Auswertung der sechsten COSMO-Woche jedoch zeigte sich pl\u00f6tzlich, dass etwas anders war: Statt zuvor 54 Prozent geben nun nur noch 45 Prozent der Befragten an, dass ihre Gedanken st\u00e4ndig um das Coronavirus kreisen. Hatte die Seuche in den Wochen zuvor noch 60 Prozent der Menschen Angst eingefl\u00f6\u00dft, lag dieser Anteil nun nur noch bei 52 Prozent. Umgekehrt ist die Zahl derer gestiegen, denen die Ma\u00dfnahmen als \u00fcbertrieben erscheinen.  <\/p>\n<p>Zeigt sich hier echte Rebellion oder nur ein Gew\u00f6hnungseffekt? Setzt sich der Eindruck durch, dass das Schlimmste bereits \u00fcberstanden ist? Oder hat die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Exit-Strategien die Erwartung auf ein baldiges Ende der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen geweckt? \u00dcber die Ursachen des Stimmungsumschwungs geben die COSMO-Daten keine Auskunft. Sie zeigen nur: Es tut sich etwas. <\/p>\n<p>Das kann Dirk Brockmann von der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t best\u00e4tigen. Er wertet Bewegungsdaten von Handys aus und stellte dabei fest: Die Deutschen, die seit drei Wochen brav daheim geblieben sind, verlassen wieder ihre Wohnungen. Unverkennbar zeugen die Daten vom wieder erwachenden Bewegungsdrang. <\/p>\n<p>Im Namen des Robert-Koch-Instituts wertet Brockmann Handydaten aus, die die Telekom zur Verf\u00fcgung stellt. Das erlaubt es ihm, die Verkehrsstr\u00f6me im Land zu erkennen und so abzusch\u00e4tzen, auf welchen Wegen sich das Virus quer durch Deutschland verbreitet. Gleichsam nebenbei konnte er verfolgen, wie sich das Bewegungsmuster im Zuge des Shutdown ver\u00e4ndert hat: Abrupt nahm die Mobilit\u00e4t der Deutschen um rund 40 Prozent ab.<\/p>\n<p>Dann kam der Anruf aus Erfurt. &quot;Frau Betsch fragte: Wir sehen in unseren Daten eine Ver\u00e4nderung. Seht Ihr in Euren auch etwas?&quot;, erz\u00e4hlt Brockmann. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Berliner Forscher noch keinen Effekt wahrgenommen. Erst kurz darauf kam ein irritierter Mitarbeiter auf ihn zu: &quot;Guck mal&quot;, sagte der. &quot;Da ist was Komisches. Die Mobilit\u00e4t nimmt wieder zu.&quot;<\/p>\n<p>Betsch und Brockmann verglichen ihre Befunde und stellten fasziniert fest, wie gut sie miteinander \u00fcbereinstimmen. &quot;Jedem Datensatz f\u00fcr sich mag man misstrauen&quot;, sagt Brockmann. &quot;Aber wenn es so \u00e4hnliche Ergebnisse aus zwei v\u00f6llig verschiedenen Quellen gibt, dann wird es wahrscheinlich kein Zufall sein.&quot; Betsch h\u00e4lt es nun f\u00fcr dringend geboten, auf den Stimmungswandel im Land zu reagieren. &quot;Wir m\u00fcssen den Leuten ins Bewusstsein rufen, dass wir jetzt nicht unsere Gewinne verspielen d\u00fcrfen&quot;, sagt sie.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte es in der Woche vor Ostern Rufe nach Lockerung der Regelungen sowie vermeintliche Signale einer Verbesserung der Lage gegeben. Wissenschaftliche Studien schienen nahezulegen, dass Kinder selten \u00dcbertr\u00e4ger des Virus seien und Schulen deswegen wom\u00f6glich bald wieder ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen. Die inzwischen umstrittene Querschnittsstudie aus Heinsberg ging von einer zumindest dort erh\u00f6hten Durchseuchung und Herdenimmunit\u00e4t der Menschen aus. Auch die Politik debattierte einen m\u00f6glichen Exit aus dem Lockdown wieder intensiver.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisher erdulden die Deutschen die Ma\u00dfnahmen zur Corona-Eind\u00e4mmung diszipliniert. Ein w\u00f6chentliches Psychogramm stellt nun eine alarmierende Ver\u00e4nderung fest. 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