{"id":202238,"date":"2020-04-10T18:41:56","date_gmt":"2020-04-10T18:41:56","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-und-mikrogeografie-wie-karten-leben-retten-sollen\/"},"modified":"2020-04-10T18:41:56","modified_gmt":"2020-04-10T18:41:56","slug":"coronavirus-und-mikrogeografie-wie-karten-leben-retten-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-und-mikrogeografie-wie-karten-leben-retten-sollen\/","title":{"rendered":"Coronavirus und Mikrogeografie: Wie Karten Leben retten sollen"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Wo sind Krankenhausbetten frei - und wo werden wegen Corona bald welche gebraucht? Die neue &quot;Mikrogeografie&quot; verspricht verst\u00e4ndliche Fr\u00fchwarnsysteme. Doch der Weg von der Idee zum Praxiseinsatz ist kompliziert.  <\/p>\n<p>Eigentlich ist Deutschland f\u00fcr die Coronakrise gut ger\u00fcstet: Hierzulande gibt es wohl mehr als 25.000 Intensivbetten - das sind pro Einwohner betrachtet weitaus mehr als etwa die Niederlande haben. Der Teufel steckt jedoch im Detail. Denn mancher Corona-Planer neigt dazu, in viel zu gro\u00dfen Einheiten zu denken, auf Bundesebene oder Landesebene.<\/p>\n<p>Aber wie sieht es aus, wenn eine lokale Klinik durch einen Ansturm an Intensivpatienten heillos \u00fcberfordert wird?<\/p>\n<p>&quot;Wir m\u00fcssen uns auf den Fall vorbereiten, dass zum Beispiel Krankenh\u00e4user in Aachen \u00fcberlastet sind, und dass Patienten dann vielleicht nach Mecklenburg-Vorpommern oder so verlegt werden m\u00fcssen&quot;, sagt Professor Reinhard Busse von der TU Berlin: &quot;Aber dieser bundesweite Austausch ist im Moment nicht geregelt, es gibt keine zentrale Instanz f\u00fcr die bundesweite Kapazit\u00e4tsverwaltung.&quot;<\/p>\n<p>Busse hat einen \u00dcberblick sozusagen aus der Adlerperspektive. Als Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen ist er ma\u00dfgeblich an der Datenbank &quot;Covid19healthsystem&quot; beteiligt, einer \u00dcbersicht zu Krankenhauskapazit\u00e4ten in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation und dem europ\u00e4ischen Gesundheitsobservatorium. Busse fordert bessere Daten f\u00fcr den Moment, wenn der globale und nationale Notstand mit voller Wucht aufs Lokale trifft, zum Beispiel auf die begrenzten M\u00f6glichkeiten einer Kleinstadtklinik.<\/p>\n<h3>Geholfen wird meist auf Zuruf<\/h3>\n<p>Das Problem: Theoretisch k\u00f6nnte es durchaus passieren, dass in einem Bundesland die Krankenh\u00e4user \u00fcberlastet sind, aber im Nachbarland nicht - und dass Hilfe unterbleibt, so Busse, &quot;weil es derzeit keinen Entscheidungs- und  Informationsmechanismus gibt&quot;.<\/p>\n<p>Bislang helfen sich Kliniken oft innerhalb eines Bundeslandes gegenseitig aus, doch auch das geschieht eher auf Zuruf und kurzfristig. Um Kapazit\u00e4ten optimal zu nutzen, m\u00fcsste man wissen, was auf ein Krankenhaus zukommt, um im Zweifelsfall ein paar Tage fr\u00fcher schon zum Beispiel transportf\u00e4hige Patienten zu verlegen, vielleicht sogar \u00fcber Landesgrenzen hinweg.<\/p>\n<p>&quot;Da l\u00e4uft ein Riesentsunami auf uns zu, wir brauchen dringend ein digitales Fr\u00fchwarnsystem&quot;, sagt der Chefarzt einer Klinik in Konstanz, der nicht genannt werden will. Wie w\u00e4re es, wenn man das Covid-19-Erkrankungsregister des Robert Koch-Instituts (RKI) mit der Intensivbettenzahl kombinieren w\u00fcrde, die von der Deutschen Interdisziplin\u00e4ren Vereinigung f\u00fcr Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) erhoben wird? Leicht auf einen Blick verst\u00e4ndlich wie eine Ampel, aber mit ein paar Tagen Vorwarnung wie bei einer Unwetterwarnung?<\/p>\n<h3>Ein ungenutztes Fr\u00fchwarnsystem<\/h3>\n<p>Der Chefarzt schickte am 21. M\u00e4rz, einem Samstag, eine Mail an Bekannte an der dortigen Uni - auch an Daniel Keim, den Leiter der Arbeitsgruppe f\u00fcr Datenanalyse und Visualisierung. Wo gro\u00dfe Strukturen knirschen, behilft man sich vor Ort gern spontan.<\/p>\n<p>Das ganze Wochenende lang, Tag und Nacht, arbeitete der Datenanalyseprofessor mit einem Team aus 15 Forschern, um dem Chefarzt auszuhelfen. Das Ergebnis:\u2008&quot;Coronavis&quot;, ein intuitiv verst\u00e4ndliches\u2008Fr\u00fchwarnsystem, das \u00c4rzten einen \u00dcberblick \u00fcber die Anzahl verf\u00fcgbarer Betten und zu erwarteten Patientenzahlen in ganz Deutschland geben soll, bis zu 72 Stunden im Voraus. Die &quot;Konstanzer L\u00f6sung&quot; nennen es die Mediziner bescheiden.<\/p>\n<p>Doch das Gesundheitssystem hierzulande ist kompliziert, sodass sich auch Chef\u00e4rzte und Professoren bisweilen im Gestr\u00fcpp der Zust\u00e4ndigkeiten verheddern. Am RKI wurde das &quot;interessante Tool&quot; Ende M\u00e4rz zwar begeistert begr\u00fc\u00dft. Doch dann wurde den Konstanzern der Zugriff auf die Intensivbettenzahlen der Divi gesperrt. Es gelte, eine &quot;Parallelstruktur&quot; zu verhindern, hie\u00df es von Seiten der Divi am Mittwoch, man arbeite schlie\u00dflich bereits an einer eigenen Vorhersagesoftware.\u2008Wann die verf\u00fcgbar ist, sei aber noch unklar. <\/p>\n<p>Das RKI teilte am Donnerstag mit: &quot;Es ist nicht so, dass das RKI die Daten den Konstanzer Forschern nicht mehr zur Verf\u00fcgung stellt, sondern das RKI hat die Berichterstattung wegen Plattform-Umzug ausgesetzt.&quot; Die Konstanzer L\u00f6sung, seit Ende M\u00e4rz fertig, bleibt so ungenutzt.<\/p>\n<h3>Veraltete und sp\u00e4t gelieferte Daten<\/h3>\n<p>\u00c4hnliche Erfahrungen machen derzeit viele Forscher und Entwickler. Manuel Blechschmidt, 34, ist eigentlich Datenspezialist f\u00fcr Gesch\u00e4ftssoftware. An einem Wochenende machte er beim Hackathon des Kanzleramts mit, an dem sich \u00fcber 27.000 B\u00fcrger beteiligten. Blechschmidt arbeitete in einem Team, zu dem auch Forscher aus Basel geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Wo die Konstanzer L\u00f6sung eine Art taktischen \u00dcberblick drei Tage im Voraus bietet, modelliert Blechschmidts Karte eine strategische Warnung: bis zu drei Wochen im Voraus. Doch beim Statistischen Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden verwehrte man Blechschmidt anf\u00e4nglich detaillierte Ausk\u00fcnfte \u00fcber Bettenzahlen auf Gemeindeebene.<\/p>\n<p>Ein Bundesamts-Mitarbeiter kommentiert die Geheimhaltung: &quot;Ich sehe auch die Dringlichkeit, aber die Daten auf Kreisebene fallen h\u00e4ufig unter die statistischen Geheimhaltungsvorschriften.&quot; Au\u00dferdem seien die Daten v\u00f6llig veraltet, sie stammten aus dem Jahr 2017, &quot;da es im Jahr 2018 eine Verz\u00f6gerung bei der Aufbereitung gab&quot;, so das Destatis. Wochen sp\u00e4ter bekam der Entwickler die gew\u00fcnschten Daten dann doch.<\/p>\n<h3>&quot;Wenn wir den Shutdown beenden wollen, geht das nur mit postleitzahlengenauen, tagesaktuellen Karten&quot;<\/h3>\n<p>Solche Schwierigkeiten waren abzusehen. Schon 2012 warnte ein &quot;Bericht zur Risikoanalyse&quot; den Bundestag f\u00fcr den Fall einer Pandemie: Es gelte, &quot;die an unterschiedlichen Stellen vorliegenden Geoinformationen mit Relevanz f\u00fcr den Bev\u00f6lkerungsschutz zielgerichtet zusammenzuf\u00fchren und f\u00fcr die Risikoanalyse nutzbar zu machen&quot;.<\/p>\n<p>&quot;Der Kampf gegen Corona ist ein wenig wie ein Krieg&quot;, sagt Retsef Levi, Professor f\u00fcr Management am renommierten MIT bei Boston. Zw\u00f6lf Jahre lang war er bei den israelischen Streitkr\u00e4ften und hat dort strategische Analysen erstellt. \u00c4hnliches fordert er auch im Kampf gegen Corona: &quot;Wenn wir den Shutdown beenden wollen, geht das nur mit postleitzahlengenauen, tagesaktuellen Karten, um lokale Infektionsherde zu erkennen und einzud\u00e4mmen, bevor sie au\u00dfer Kontrolle geraten.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Mikrogeografie&quot; nennt Levi seinen Ansatz. Gemeinsam mit 11 anderen Professoren und \u00fcber 50 Studenten und Forschern vom MIT hat er mit der Datenplattform &quot;Covid-19 Policy Alliance&quot; m\u00fchsam Daten zusammengesucht. Entstanden ist dabei eine interaktive, hochdetaillierte Corona-Karte der USA, in die Infektionszahlen, aber auch Faktoren wie Alter, \u00dcbergewicht, Bluthochdruck und die Anzahl der verf\u00fcgbaren Krankenhausbetten einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden Bezirk wird dabei ein Risikofaktor zwischen null und sechs angegeben. Diese mikrogeografische Genauigkeit soll zum Beispiel der Leitung von Senioreneinrichtungen helfen, Vorkehrungen zu treffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo sind Krankenhausbetten frei - und wo werden wegen Corona bald welche gebraucht? Die neue &quot;Mikrogeografie&quot; verspricht verst\u00e4ndliche Fr\u00fchwarnsysteme. Doch der Weg von der Idee zum Praxiseinsatz ist kompliziert. 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