{"id":202193,"date":"2020-04-10T12:02:04","date_gmt":"2020-04-10T12:02:04","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/brexit-und-corona-wie-eine-krise-zu-einer-noch-groseren-beitrug\/"},"modified":"2020-04-10T12:02:04","modified_gmt":"2020-04-10T12:02:04","slug":"brexit-und-corona-wie-eine-krise-zu-einer-noch-groseren-beitrug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/brexit-und-corona-wie-eine-krise-zu-einer-noch-groseren-beitrug\/","title":{"rendered":"Brexit und Corona: Wie eine Krise zu einer noch gr\u00f6\u00dferen beitrug"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Corona und der Brexit haben nichts miteinander zu tun. Oder doch? Wie die eine Krise eine noch gr\u00f6\u00dfere in Gro\u00dfbritannien befeuerte.  <\/p>\n<p>Es ist seit vielen Tagen dasselbe Ritual. Jeden Nachmittag um 17 Uhr tritt ein Minister aus der Regierung ihrer Majest\u00e4t in einen holzget\u00e4felten Saal in 10 Downing Street, um die Nation in einer live ausgestrahlten Pressekonferenz \u00fcber den Kampf gegen die Pandemie zu unterrichten.<\/p>\n<p>Mal steht da der Schatzkanzler, mal der Gesundheitsminister, mal Au\u00dfenminister Dominic Raab, der den erkrankten Regierungschef Boris Johnson noch eine Zeit lang vertreten wird.<\/p>\n<p>Die Gesichter wechseln. Aber eines bleibt immer gleich: Am Rednerpult klebt un\u00fcbersehbar die Kampfparole dieser Regierung - &quot;Stay Home, Protect the NHS, Save Lives&quot;, Bleibt zu Hause, sch\u00fctzt das Gesundheitssystem, rettet Leben. Das Schild, auf dem die Worte stehen, leuchtet in gelb-roten Signalfarben, es wirkt, als st\u00fcnden die Minister hinter einem Absperrband - und als sei in Downing Street mit losen Ziegeln zu rechnen.<\/p>\n<p>Treffender k\u00f6nnte man den Zustand des Landes nicht in einem Bild zusammenfassen. Das Vereinigte K\u00f6nigreich ist eine Baustelle.<\/p>\n<p>Aber nicht erst seit dort das Coronavirus w\u00fctet.<\/p>\n<h3>Die Grunds\u00e4ulen des Landes besch\u00e4digt<\/h3>\n<p>Anders als andere L\u00e4nder befanden sich Gro\u00dfbritannien und Nordirland schon lange vor Ausbruch der Pandemie im Ausnahmezustand. Er begann im Juni 2016, als sich eine knappe Mehrheit der Briten f\u00fcr den Austritt aus der Europ\u00e4ischen Union entschied. Was folgte, war ein jahrelanger politischer Abnutzungskampf, der nach und nach die Grunds\u00e4ulen des Landes besch\u00e4digte: das Parlament, die Justiz, die Wirtschaft, die Regierung. F\u00fcr die Coronakrise k\u00f6nnen der Brexit, seine Bef\u00fcrworter und seine Gegner nichts. Aber der mehr als dreij\u00e4hrige Kleinkrieg ist sicher einer der Gr\u00fcnde, warum das Virus Gro\u00dfbritannien besonders hart gebeutelt hat.<\/p>\n<p>Corona traf auf ein ersch\u00f6pftes Land. Zur Erinnerung: Es war am 31. Januar, um Punkt 23 Uhr britischer Zeit, als das Vereinigte K\u00f6nigreich seine EU-Mitgliedschaft formal beendete. Am selben Tag wurden aus Yorkshire die ersten beiden Coronainfektionen auf britischem Boden gemeldet. Sie wurden in der allgemeinen Feier- bzw. Fruststimmung kaum beachtet.<\/p>\n<p>Die im Dezember neu gew\u00e4hlte Regierung von Boris Johnson hatte zu diesem Zeitpunkt ganz andere Probleme. Der gesamte Regierungsapparat war seit Juni 2016 zu einem Brexitapparat umgebaut worden. Tausende Staatsdiener \u2013 auch aus dem Gesundheitsministerium \u2013 waren abgezogen worden, um die \u00fcber Jahrzehnte gewachsene Verbindung mit der EU zu entkn\u00e4ueln. Mehr als 700 Beamte waren ins neu geschaffene Brexitministerium abkommandiert worden und mussten nun, da es vollbracht war, wieder umorganisiert werden.<\/p>\n<h3>Eine gewaltige nationale Anstrengung<\/h3>\n<p>Im britischen Parlament sa\u00dfen seit der Wahl pl\u00f6tzlich zahllose unerfahrene Abgeordnete. Vor allem Johnsons konservative Partei wurde nun von vielen Neulingen vertreten \u2013 nachdem der Premier in den eigenen Reihen radikal aufger\u00e4umt und alte, zu EU-freundliche Fahrensleute geschasst hatte.<\/p>\n<p>Seine neue Regierung hatte Johnson vor allem unter einem Gesichtspunkt zusammengestellt: dass sich die Minister dem Brexit mit Haut und Haaren verschreiben. Die Zeit dr\u00e4ngte: Die \u00dcbergangsperiode bis zum endg\u00fcltigen Austritt aus der EU w\u00fcrde am 31. Dezember 2020 enden. Bis dahin, und nur bis dahin, m\u00fcsse ein Freihandelsvertrag mit dem Staatenblock unterschriftsreif sein, so Johnson. Eine m\u00f6gliche Verl\u00e4ngerung der Periode, in der die Briten sich weiter EU-Recht unterwerfen m\u00fcssen, werde es nicht geben. Das hatte der Premier sogar gesetzlich festschreiben lassen.<\/p>\n<p>Eine gewaltige nationale Anstrengung stand damit bevor. Aber weil die Regierungsmaschine nach Jahren des Brexitkampfes, nach au\u00dferplanm\u00e4\u00dfigen Wahlen, nach einer Verschiebung und noch einer Verschiebung des Austrittstermins hei\u00df gelaufen war, g\u00f6nnte Johnson sich und seinem Team im Februar wenigstens eine kleine Pause. Er selbst verschwand f\u00fcr eine Woche in einem Landhaus in Kent.<\/p>\n<p>Das Virus aber ruhte nicht.<\/p>\n<h3>Der Lockdown kostet 2,4 Millionen Pfund - am Tag<\/h3>\n<p>Als Johnson dann am 3. M\u00e4rz erstmals sein Krisenteam zusammenrief, um den Kampf gegen Corona zu koordinieren, war das zwei Tage, bevor auch das ersch\u00f6pfte K\u00f6nigreich seinen ersten Todesfall meldete.<\/p>\n<p>Seitdem haben sich die Verh\u00e4ltnisse in atemberaubender Geschwindigkeit in ihr Gegenteil verkehrt. Der gesamte Regierungsapparat k\u00e4mpft nun, da die offizielle Totenzahl bei mehr als 8000 (Stand Freitag) liegt, gegen die Pandemie. Mit dem Brexit befasste Beamte wurden daf\u00fcr reihenweise abkommandiert.<\/p>\n<p>Nach einer Prognose des Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle k\u00f6nnte Gro\u00dfbritannien bis August das am schlimmsten betroffene Land in Europa sein. Die eigenen Experten der britischen Regierung rechnen damit, dass der Lockdown wom\u00f6glich noch sechs Monate anhalten wird. Er kostet das Land nach Expertenberechnung 2,4 Millionen Pfund \u2013 am Tag.<\/p>\n<p>Vom Brexit redet in dieser Situation fast niemand mehr. Aber er ist immer noch da.<\/p>\n<p>Dass ausgerechnet Boris Johnson, als erster Staatschef weltweit, wegen einer Coronainfektion auf die Intensivstation musste, trifft das Land ins Mark. Mit Dominic Raab steht zwar ein Stellvertreter fest, aber er hat nur sehr begrenzte Befugnisse. Die Rolle des Vizepremiers ist in der ungeschriebenen britischen Verfassung nicht klar definiert. Raab selbst sagt, schwierige Entscheidungen werde das Kabinett in Johnsons Abwesenheit &quot;kollektiv&quot; treffen.<\/p>\n<h3>Im Juni muss \u00fcber die Brexit-\u00dcbergangsperiode entschieden werden<\/h3>\n<p>Und an schwierigen Entscheidungen wird es in den kommenden Tagen und Wochen nicht mangeln. Wird der Lockdown fortgesetzt? Wie lange? Und in welchen Schritten kann wieder gelockert werden? Wie sch\u00fctzt man die Menschen, die in Quarant\u00e4ne Missbrauch, Gewalt, Psychoterror erfahren? Und wie die Wirtschaft, die immer weiter abschmiert? Allein in den vergangenen zwei Wochen haben mehr als eine Million Briten Arbeitslosen- oder Sozialhilfe beantragt. Finanzexperten rechnen bis Ende Juni mit einem Quartalsabsturz, der sechsmal schlimmer sein wird als der schlimmste w\u00e4hrend der Finanzkrise.<\/p>\n<p>Es sind dieselben Fragen, die sich alle europ\u00e4ischen Regierungen stellen. Aber im Falle Gro\u00dfbritanniens kommt hinzu: Was passiert im Juni, wenn London entscheiden muss, ob es doch eine Verl\u00e4ngerung der Brexit-\u00dcbergangsperiode geben muss?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Corona und der Brexit haben nichts miteinander zu tun. Oder doch? Wie die eine Krise eine noch gr\u00f6\u00dfere in Gro\u00dfbritannien befeuerte. Es ist seit vielen Tagen dasselbe Ritual. 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