{"id":202142,"date":"2020-04-10T05:33:37","date_gmt":"2020-04-10T05:33:37","guid":{"rendered":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-wie-viele-infektionen-konnen-pro-tag-maximal-nachgewiesen-werden\/"},"modified":"2020-04-10T05:33:37","modified_gmt":"2020-04-10T05:33:37","slug":"coronavirus-wie-viele-infektionen-konnen-pro-tag-maximal-nachgewiesen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freeonlinetranslators.net\/news\/germany\/coronavirus-wie-viele-infektionen-konnen-pro-tag-maximal-nachgewiesen-werden\/","title":{"rendered":"Coronavirus: Wie viele Infektionen k\u00f6nnen pro Tag maximal nachgewiesen werden?"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Labore k\u00f6nnen pro Woche ungef\u00e4hr eine halbe Million Menschen in Deutschland auf das neue Coronavirus testen. Eine hohe Zahl, meint man. Doch beim Nachweis der tats\u00e4chlich Infizierten st\u00f6\u00dft das System schnell an Grenzen.  <\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen haben Labors in Deutschland ihre Kapazit\u00e4ten f\u00fcr Tests auf das neue Coronavirus deutlich erh\u00f6ht. Ziel ist es, zu verhindern, dass die wachsende Zahl der t\u00e4glichen Neuinfektionen die Testm\u00f6glichkeiten allzu schnell \u00fcbersteigt. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter k\u00f6nnte das dennoch der Fall sein, wenn sich das Virus weiter exponentiell ausbreitet.<\/p>\n<p>&quot;Wir kommen jetzt an den Punkt, wo die Diagnostik der exponentiellen Entwicklung der Fallzahlen nicht mehr hinterherkommt&quot;, erkl\u00e4rte der Virologe Christian Drosten von der Charit\u00e9 in Berlin Ende M\u00e4rz in seinem NDR-Podcast. &quot;Jetzt kommt es darauf an, die Richtigen zu testen.&quot;<\/p>\n<p>Was Drosten meint, veranschaulicht die aktuelle Arbeit eines Volkswirtschaftsdoktoranden der Universit\u00e4t Regensburg. Felix Peterhammer hat untersucht, wie viele Corona-F\u00e4lle mit den in Deutschland zur Verf\u00fcgung stehenden Testkapazit\u00e4ten maximal nachweisbar sind.<\/p>\n<p>Sein Fazit: Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland habe Ende M\u00e4rz m\u00f6glicherweise die Grenze f\u00fcr positive Testergebnisse \u00fcberschritten. Sollte das der Fall gewesen sein, w\u00fcrden die Daten aus der Zeit nicht die tats\u00e4chliche Zahl der Neuninfektionen zeigen, sondern nur die Nachweisgrenze.<\/p>\n<p>Derzeit wird in Deutschland auch bei recht schwachen Symptomen getestet. In der Folge f\u00e4llt ein vergleichsweise gro\u00dfer Anteil der Tests negativ aus, weil statt dem neuen Coronavirus doch eine Erk\u00e4ltung oder Grippe die Symptome ausgel\u00f6st hat. Anders gesagt: Es lassen sich deutlich weniger Neuinfektionen nachweisen als Tests vorhanden sind.<\/p>\n<h3>Lediglich grobe \u00dcberschlagsrechnung m\u00f6glich<\/h3>\n<p>Laut Peterhammer konnten Ende M\u00e4rz h\u00f6chstens etwa 5000 Neuinfektionen pro Tag nachgewiesen werden. Das entspricht ungef\u00e4hr der Gr\u00f6\u00dfenordnung der in der Woche vom 23. M\u00e4rz nachgewiesenen F\u00e4lle. Laut dem Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden damals durchschnittlich etwa 4800 Infektionen am Tag erfasst.<\/p>\n<p>Im Detail hat die Analyse allerdings einige Schw\u00e4chen. &quot;Das Ergebnis der Untersuchung beruht auf einigen Annahmen, zu denen derzeit keine guten Daten vorliegen&quot;, sagt Tim Friede, Medizinstatistiker an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. Man wisse beispielsweise nicht genau, wie viele Tests pro Tag durchgef\u00fchrt werden und bei welchem Anteil das Virus tats\u00e4chlich nachgewiesen wird.<\/p>\n<p>Peterhammer geht in seiner Berechnung davon aus, dass jeden Tag maximal 50.000 Corona-Tests in Deutschland m\u00f6glich waren und ungef\u00e4hr 10 Prozent der Tests positiv ausfielen.<\/p>\n<p>&quot;Wenn der Anteil der positiven Tests in Wahrheit beispielsweise bei 15 statt 10 Prozent l\u00e4ge, dann w\u00e4ren die Aussagen so nicht mehr haltbar&quot;, sagt Friede. Statt 5000 Infizierten k\u00f6nnten in der Beispielrechnung dann jeden Tag 7500 Infektionen nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Auch der Wirtschaftsexperte Sebastian Vollmer von der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen meldet Zweifel an. &quot;Es gibt sehr viele Unsicherheiten in den Corona-Statistiken. Das Problem bei der Hochrechnung ist, dass der Anteil positiver Testergebnisse auch davon abh\u00e4ngt, wen man testet.&quot;<\/p>\n<p>Das RKI macht dazu Vorgaben, die sich allerdings bereits mehrfach ge\u00e4ndert haben. Es gebe daher im Moment schlicht keine andere M\u00f6glichkeit, als die Nachweisgrenze f\u00fcr neue Corona-Infektionen mithilfe der wackeligen Zahlen grob zu \u00fcberschlagen, so Vollmer.<\/p>\n<h3>Wacklige Suche nach der Nachweisgrenze<\/h3>\n<p>Das RKI ver\u00f6ffentlicht seit ein paar Wochen Daten, die zumindest einen groben \u00dcberblick dar\u00fcber geben, wie viele Tests auf das Coronavirus in Deutschland stattfinden. Auch diese Informationen sind mit Unsicherheiten behaftet, weil jede Woche eine unterschiedliche Zahl von Laboren mitteilt, wie viele Testkapazit\u00e4ten vorhanden sind und wie hoch der Anteil der positiven Testergebnisse an der Gesamtzahl der Tests war.<\/p>\n<p>Versucht man sich anhand dieser Daten einen \u00dcberblick dar\u00fcber zu verschaffen, wie viele Menschen pro Tag h\u00f6chstens positiv getestet werden konnten, kommt man zumindest in der Woche vom 23. M\u00e4rz auf ein \u00e4hnliches Ergebnis wie Peterhammer.<\/p>\n<p>Damals waren laut RKI-Statistik knapp 65.000 Tests pro Tag m\u00f6glich, rund neun Prozent davon fielen positiv aus. Daraus ergibt sich eine Grenze von h\u00f6chstens 5600 nachweisbaren Infektionen am Tag.<\/p>\n<p>Rechnet man die Zahlen auf eine Laborwoche von f\u00fcnf bis sieben Tagen hoch, h\u00e4tten in den sieben Tagen ab dem 23. M\u00e4rz maximal 28.000 bis 39.200 Neuinfektionen nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Laut RKI waren es tats\u00e4chlich knapp 33.600, laut Johns Hopkins Universit\u00e4t (JHU) 37.100. Die Zahl der Neuinfektionen lag damals also auch laut den RKI-Informationen nah an den gesch\u00e4tzten Maximalwerten oder sogar dar\u00fcber.<\/p>\n<h3>Abflachung, obwohl Ma\u00dfnahmen noch nicht griffen<\/h3>\n<p>F\u00fcr Peterhammer ergibt sich daraus ein schl\u00fcssiges Bild: Ihm war aufgefallen, dass sich die exponentielle Ausbreitung des Virus nach dem 20. M\u00e4rz deutlich verlangsamt hatte. &quot;Ab dem 20. M\u00e4rz stagniert die Zahl der in Deutschland neu gemeldeten Infektionen beinahe und schwankt bis zum 30. M\u00e4rz zwischen circa 3000 und 7000&quot;, schreibt er in seiner noch nicht ver\u00f6ffentlichten Studie, die dem SPIEGEL vorliegt.<\/p>\n<p>Dabei bezieht er sich auf die Zahlen der JHU. Im Gegensatz zum RKI-Dashboard erfasst die JHU die F\u00e4lle allerdings nicht immer an dem Tag, an dem sie kurz nach dem Nachweis im Labor ans zust\u00e4ndige Gesundheitsamt gemeldet wurden. Dadurch ergeben sich Unterschiede in den Statistiken. Auch die RKI-Zahlen zeigen allerdings, dass sich das exponentielle Wachstum in den Tagen nach dem 20. M\u00e4rz verlangsamt hat.<\/p>\n<p>Misstrauisch stimmte Peterhammer daran, dass sich das Virus weniger schnell ausbreitete, bevor davon auszugehen war, dass Schulschlie\u00dfungen und Kontaktsperre Wirkung zeigen w\u00fcrden. Bundesweit wurden ab dem 16. M\u00e4rz Schulen geschlossen, seit dem 23. M\u00e4rz gilt f\u00fcr ganz Deutschland eine Kontaktsperre.<\/p>\n<p>Durch die Inkubationszeit von im Mittel f\u00fcnf bis sechs Tagen, die Testdauer und den Meldeverzug beim RKI, dauert es zehn bis zw\u00f6lf Tage, bis ein positiver Test in die Statistik einflie\u00dft (mehr zum Meldeverzug lesen Sie hier). Ein Abflachen der Infektionskurve durch Schulschlie\u00dfungen d\u00fcrfte demnach fr\u00fchstens am 26. M\u00e4rz erkennbar sein, der Effekt der Kontaktsperre erst ab dem 2. April.<\/p>\n<p>Laut Peterhammer liegt somit nahe, dass nach dem 20. M\u00e4rz f\u00fcr eine gewisse Zeit die Nachweisgrenze f\u00fcr Neuinfektionen erreicht oder sogar \u00fcberschritten wurde. Auch die RKI-Werte liefern Hinweise darauf. Einen eindeutigen Beleg, dass die Nachweisgrenze tats\u00e4chlich erreicht oder \u00fcberschritten wurde, gibt es jedoch nicht.<\/p>\n<h3>Je treffsicherer die Tests, desto l\u00e4nger reichen die Kapazit\u00e4ten<\/h3>\n<p>Die gute Nachricht ist, dass die Testkapazit\u00e4ten laut RKI-Auswertung zuletzt noch mal deutlich gestiegen sind. Mehr als hundert Labors k\u00fcndigten f\u00fcr vergangene Woche an, mehr als 100.000 Tests pro Tag durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Laut der neusten RKI-Auswertung dazu haben tats\u00e4chlich etwa 393.000 Tests stattgefunden, also deutlich weniger als die zur Verf\u00fcgung stehenden 100.000 am Tag.<\/p>\n<p>Neun Prozent der Befunde waren positiv. Laut den Zahlen h\u00e4tten mehr als 9300 Infektionen am Tag nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich waren es laut RKI und JHU im Durchschnitt aber nur etwa 5000 bis 5400. Auch der Laborverbund ALM, dessen Labore einen Gro\u00dfteil der Tests durchf\u00fchren, teilte mit, dass die Kapazit\u00e4ten derzeit nicht vollst\u00e4ndig ausgelastet seien.<\/p>\n<p>Wie lange dieser Vorsprung bestehen bleibt, h\u00e4ngt nun ma\u00dfgeblich davon ab, ob es gelingt, mehr Menschen in die Tests einzubeziehen, die tats\u00e4chlich infiziert sind. Um es zur Veranschaulichung \u00fcberspitzt darzustellen: W\u00fcrden Labore nur tats\u00e4chlich Infizierte testen, h\u00e4tten sie Kapazit\u00e4ten, ungef\u00e4hr 100.000 Neuinfektionen am Tag nachzuweisen - so viele Tests sind derzeit ungef\u00e4hr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Realistisch ist das selbstverst\u00e4ndlich nicht. Grunds\u00e4tzlich gilt aber: Je gr\u00f6\u00dfer der Anteil der tats\u00e4chlich Infizierten in der Testgruppe ist, desto mehr Neuinfektionen lassen sich bei gleichbleibender Testzahl erkennen. Experten gehen dabei davon aus, dass sich die Zahl der Tests inzwischen kaum mehr steigern l\u00e4sst. Unter anderem zeichnet sich ab, dass teils Reagenzien knapp werden, die die Labore f\u00fcr die Untersuchungen ben\u00f6tigen (mehr dazu lesen Sie hier).<\/p>\n<h3>Andere Daten m\u00fcssen her<\/h3>\n<p>Die Untersuchungen st\u00e4rker auf Personen mit starken Symptomen zu fokussieren, ist daher die einzige M\u00f6glichkeit sicherzustellen, dass sie nicht knapp werden. Allerdings hat das Vorgehen auch Nachteile. Zum einen sind die Zahlen der Neuinfektionen durch die st\u00e4ndige Anpassung der Testzahl und der Regeln, wer getestet wird, kaum mehr vergleichbar. Leicht verlaufende Infektionen w\u00fcrden dann zudem \u00fcberhaupt nicht mehr erfasst.<\/p>\n<p>Bereits jetzt bem\u00e4ngeln Experten, dass die reine Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen kaum Aussagekraft hat, weil l\u00e4ngst nicht alle F\u00e4lle dokumentiert werden (mehr dazu lesen Sie in diesem Interview).<\/p>\n<p>Vollmer hat in dieser Woche auf seiner Webseite eine Sch\u00e4tzung ver\u00f6ffentlicht, nach der weltweit gerade mal sechs Prozent der tats\u00e4chlich mit dem neuen Coronavirus Infizierten bekannt sind (mehr dazu lesen Sie hier). Auch diese Sch\u00e4tzung ist mit Unsicherheiten behaftet, liefert aber zumindest etwas Orientierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Labore k\u00f6nnen pro Woche ungef\u00e4hr eine halbe Million Menschen in Deutschland auf das neue Coronavirus testen. Eine hohe Zahl, meint man. 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